Kreuzblume und Domspitzen

Schon öfter hab ich mich beim Überqueren der Kölner Domplatte gefragt, was eigentlich das seltsam verschnörkelte Gebilde zwischen Treppe und Unter Fettenhennen bedeutet. Ich hab es mir mal genauer angesehen und Informationsschilder entdeckt, sogar in allen erdenklichen Sprachen. Darauf steht:

Modell der Kreuzblume
auf den Domtürmen
in Originalgröße
Symbol der Domvollendung 1880
Höhe 9,90 m Breite 4,60 m

Aha! Das hätte ich so nie in Verbindung gebracht, in viel zu großer Höhe befinden sich die Originale, auf dem Nordturm 149 m und Südturm 157 m. Diese Skulptur an der Treppe ist eine Nachbildung. An der werde ich nun nie mehr ahnungslos vorbeigehen.

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Ruprecht Frieling zu Theodor Althaus

Geschichtliche Fundgrube

Theodor Althaus wurde zwar nicht einmal 30 Jahre alt, aber seine Rolle in Deutschlands bürgerlich-demokratischer Revolution 1848 ist es wert, näher beleuchtet zu werden. Renate Hupfeld erfüllt diese Aufgabe mit gewissenhafter Recherche und bildhafter Sprache.

Althaus wird am 26.10.1822 in Detmold in eine klerikal-protestantische Familie geboren. Der Vater bekleidet später das Amt des Generalsuperintenden des Fürstentums Lippe, die Mutter war Tochter eines Bischofs. Schon früh zeigt sich die außergewöhnliche Begabung des Jungen, der ein Einser-Abitur hinlegt und mit 18 zum Studium der Theologie nach Bonn umzieht. An der Uni kommt er schnell in Berührung mit freigeistigen Tendenzen des Vormärz, der mit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm IV. in Preußen im Jahre 1840 zur vollen Blüte kommt. (Der König hatte die sogenannten Karlsbader Beschlüsse teilweise außer Kraft gesetzt und damit unwillentlich die Intitialzündung zum nationalen Aufbruch gegeben. Bei diesen Beschlüssen handelte es sich um die vom österreichischen Außenminister und späteren Staatskanzler Metternich betriebene Bespitzelung von liberalen und nationalen Kreisen.)

Der junge Student kommt in Kontakt mit kritischen Denkern, Philosophen und Literaten wie Gottfried Kinkel, Ernst Moritz Arndt, Georg Weerth, Hoffmann von Fallersleben, Georg Herwegh. Er nimmt an Diskussionsrunden, Denker-Clubs und Kränzchen teil, die ihm helfen, sich zu einem glühenden Demokraten zu entwickeln. Er schreibt Gedichte, Aufsätze und Theaterstücke. Erste Veröffentlichungen in Zeitungen folgen. Aus seinen Texten schimmert sein Traum von einer selbstbewussten deutschen Nation. Er hält wenig von den herrschenden monarchischen Strukturen und ihrem selbstherrlichen Absolutismus und fällt bald dadurch auf, dass er seine Klappe nicht halten kann.

Mit seinen Texten manövriert sich der junge Heißsporn allerdings bald ins gesellschaftliche Abseits. Er hat es nach Abschluß seines Studiums deshalb nicht immer leicht, seine Artikel in den meinungsbildenden Blättern unterzubringen. Nach Überlegungen, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und Landpfarrer zu werden, muss er erkennen, dass er sich selbst diese Karriere verbaut hat. Also beschreitet er die Laufbahn aller freien Geister jener Tage: Er führt ein freies Literatenleben und verdient sein Geld mit dem Schreiben von Artikeln.

Die Märzrevolution des Jahres 1848 erlebt er unmittelbar in Berlin. Den vielen Toten setzt er mit seinen Artikeln ein literarisches Denkmal. Seine Würdigung des Freiheitskampfes des Bürgertums gegen den Absolutismus erscheint in der überregionalen Weser-Zeitung. Als »Bluttaufe der deutschen Freiheit« bezeichnet Althaus den Zoll der dramatischen Ereignisse jener Tage. Die Reaktion konservativer Kreise auf seine Arbeiten sind heftig: Mit Flugschriften und offenen Briefen wird gegen die Zeitung und seine Artikel polemisiert. Althaus schlüpft als Leitender Redakteur bei der »Zeitung für Norddeutschland« unter, die erstmals am 1. Januar 1849 erscheint. In seinen Beiträgen plädiert er für die Grundrechte des deutschen Volkes wie Meinungsfreiheit, Aufhebung der Stände, Presse- und Versammlungsreiheit, kurz all das, was wir heute als bürgerliche Grundrechte für selbstverständlich erachten.

Als am 28. März 1849 nach monatelangem Hickhack die Verfassung des deutschen Reiches verkündet wird, ist Althaus hoch zufrieden, weil er die Werte Vaterland, Einheit und Freiheit festgeschrieben sieht. Doch die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Am 14. Mai 1849 wird der aufmüpfige Redakteur verhaftet und wegen seiner engagierten Veröffentlichungen ins Gefängnis gesteckt und zu drei Jahren Haft verurteilt. Als er nach einem Jahr und einem Tag vorzeitig den Knast verlassen darf, ist er bereits ein kranker Mann. Am 2. April 1852 stirbt Theodor Althaus in Gotha und wird dort auch beigesetzt.

Autorin Renate Hupfeld versteht es in ihrem Buch ausgezeichnet, den Lebensweg des Freiheitskämpfers detailliert zu schildern. Sie zeigt dabei vor allem die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe auf, die den Frühmärz bestimmten. Ein geschichtlicher Überblick sowie ein Quellen-, Personen- und Literaturverzeichnis erleichtern die Orientierung im Thema. Schließlich fügte die Autorin zahlreiche Fotos von den Wirkungsstätten und Orten bei, die Theodor Althaus besuchte.

Die Veröffentlichung würdigt den Revolutionär Theodor Althaus, der sich mit jungen Jahren für den demokratischen Aufbruch Deutschlands einsetzte. Das Buch ist für jeden, der sich für neuere deutsche Geschichte interessiert, eine Fundgrube.

(C) Ruprecht Frieling

Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

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„Das alte Köln“: Gereonsmühle

Vom Ebertplatz gehe ich durch das Eigelsteintor in mein altes Veedel, wo ich Ende der Sechziger wohnte, schlendere durch Weidengasse und Plankgasse, überquere die Ritterstraße an der Stelle, wo früher die Bäckerei Trompeter war und ich beim Senior in aller Herrgottsfrühe warme Brötchen bekam. Irgendwo links war der Klingelpütz. Das alte Stadtgefängnis wurde jedoch abgerissen, Wohnhäuser stehen da jetzt. Im Park steht ein runder Turm. Warum entdecke ich den erst jetzt? Er ist doch ziemlich alt. Ich gehe herum und staune: ein beachtliches Stück der alten Stadtmauer steht da. Hier war also im Mittelalter die Stadt Köln zu Ende. Ich befinde mich dann jetzt außerhalb, sozusagen vor den Toren der Stadt, wie der Hansaring rechts von mir. Entlang der Mauer gehe ich bis zum Klümpchenshof, am Gereonswall wieder hinein im die Stadt und noch einmal zum Turm, um ihn auch von der Innenseite zu fotografieren.

Und jetzt bin ich platt. Das ist nämlich genau die Ansicht, die ich bereits kenne aus dem Kalender vom Kölner Künstler Siegfried Glos, der in seinem Projekt „Das alte Köln“ in 54 Bildern alle Türme und Tore der mittelalterlichen Stadtmauer gemalt hat, so auch diesen Turm. Es ist die Gereonsmühle, eine alte Windmühle. Auf dem Gemälde von Herrn Glos hat sie sogar noch Flügel.

Wer mehr über Kölns mittelalterliche Stadtmauer, Türme, Tore und Windmühlen erfahren möchte, findet Bilder, Material und Informationen bei Siegfried Glos. Ich war in seinem Atelier am Thürmchenwall:
„Das alte Köln“

Meine kleine Tour durch das Eigelsteinviertel

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„Günter Peter Straschek. Emigration-Film-Politik“

Ein Projekt des österreichischen Filmemachers Günter Peter Straschek (1942-2009) steht im Mittelpunkt der Ausstellung „Emigration-Film-Politik“ im Kölner Museum Ludwig. Es handelt sich um eine vom WDR produzierte TV Serie aus dem Jahre 1975 mit dem Titel „Filmemigration aus Nazideutschland“. Lebenswege Filmschaffender werden dokumentiert, die sich vor dem Naziterror in andere Länder retten mussten, vom Regisseur, Drehbuchautor, Produzenten, Komponisten und Schauspieler bis zum Cutter.

Die Präsentation verwirrt mich zunächst. In Gängen sind Skripten und Publikationen von Peter Straschek in Vitrinen ausgestellt, auf Leinwänden laufen seine frühen Kurzfilme, er liest den Brief des Komponisten Schoenberg und „Ein Western für den SDS“, die Studentenrevolte 1968 in Berlin.

Nun gut, suchend gehe ich herum, bis ich schließlich in einem warmrot gestalteten Raum in einen Sessel sinke und einige Episoden aus „Filmemigration aus Nazideutschland“ anschaue. Das ist echt interessant, wie sie von ihrer Filmarbeit in Spanien, Frankreich, Großbritannien und Hollywood erzählen, inzwischen alte Männer und Frauen, in einigen Fällen auch deren Hinterbliebene, Söhne oder Töchter. Und wie sie im Exil den Verlust von Heimat und Sprache erleben und irgendwann vor die Frage gestellt sind: Bleibe ich oder kehre ich zurück? Jede Geschichte so lebendig und spannend, ob unbekannt oder bekannt wie Lion Feuchtwanger, Brecht und Weigel, Franz Marischka, Fritz Kortner, Max Reinhardt und Fritz Lang, dessen Zeilen ich mitnehme: „Und wenn er dann nach Hause kommt, ist er daheim ein fremder Mann.“

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Ruprecht Frieling zu „Hammfiction“

Coole Geschichten mit Format

Gleitet man mit dem Auto auf der A 2 aus Richtung Hannover Richtung Dortmund an B*e*e*e*d vorüber, der Stadt, die er nicht gibt und bisweilen auch Bielefake geheißen wird und nähert sich Beckum, jenem Ort, der durch die Schildbürger berühmt wurde, dann ist man fast am Ziel: in Hamm, einer Stadt, die bisher noch keinen nennenswerten Ruf als literarische Metropole kassieren durfte.

Dass dies nicht ewig so bleibt, ist Renate Hupfeld zu verdanken, die in der westfälischen Stadt am Ostrand des Ruhrgebietes unter einem Dach mit einem Hammamunga lebt. Hammamunga? Ist das ein Geschöpf wirrer Fantasie oder sind es Geschichten, die eben nur in Hamm entstehen, wachsen und gedeihen können? Ich entscheide mich für letzteres. Dabei haben die Storys, die von der Autorin in »Hammfiction« versammelt wurden, auf den ersten Blick nur mittelbar mit der Stadt und ihren Bewohnern zu tun, sieht man einmal ab von der wundervollen Erzählung, wie sieben Tiere auf den städtischen Marktplatz kamen und dort zu Bronze wurden. Es sind vielmehr feine Beobachtungen und Schilderungen, die auch in anderen Städten mit Kirchturm, Bahnhof und Fußgängerzone aufgezeichnet worden sein könnten.

Dabei erweist sich die Autorin als aufmerksame Chronistin, die auch in der kleinen und stillen Begegnung Tiefe findet und daraus schöpft. So beobachtet sie den lästigen Schnorrer, der einen Passanten vom Bahnhof bis in ein Café verfolgt und nervt, bis dem der Kragen platzt. Oder sie schildert eine Lehrerin, die mit einem verhaltensauffälligen Schüler lautstark zusammenprallt und dabei verletzt wird.

Meine Lieblingsgeschichte in dieser Sammlung handelt von dem Besuch zweier kleiner Mädchen bei dem Vater eines Freundes, der gerade von Frau und Sohn verlassen wurde. Der Mann delektiert sich daran, zuzusehen, wie sich seine Fische gegenseitig massakrieren. Erschüttert suchen die Mädchen das Weite. Diese Geschichte hat Ray-Bradbury-Format, und schon aus diesem kühlen Grunde ist dieses kleine Elektrobuch für mich ein Treffer.

(C) Ruprecht Frieling

Mehr Hammbilder gibt’s in Renates Hammfiction Blog

Hier könnt ihr die kleine Sammlung downloaden: Hammfiction

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Auf den Spuren von Karl Marx in Köln

Zu Beginn des Jahres begegnete ich beim Kurzbesuch einem berühmten Sohn der Stadt Trier. Karl Marx. Im Jahre 1818 wurde er hier geboren, also vor 200 Jahren. Bekannt, dieser Mann, sehr bekannt und mir doch so unbekannt. Obwohl ich mich durch meine Recherchen zu Theodor Althaus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts doch ganz gut auskenne. Ja, ich hab mich sogar gewundert, dass ich auf den Spuren von Robert Blum in Köln ein Exemplar der „Neuen Rheinischen Zeitung“ in einer kleinen Vitrine des Kölnischen Stadtmuseums entdeckte. Mir war in Vormärz und Revolution 1848 vor allem die „Kölnische Zeitung“ bekannt durch Begegnungen meines Protagonisten Theodor Althaus mit deren Redakteuren Karl Heinrich Brüggemann und Levin Schücking.

Keine Rede von Karl Marx. Dabei war der doch auch zur Zeit des Vormärz in Köln aktiv, als Redakteur der „Rheinischen Zeitung“ in der Schildergasse, heute eine der meistbesuchten Einkaufsmeilen. Doch die „Rheinische Zeitung“ wurde wegen radikaler Systemkritik von den preußischen Zensurbehörden verboten. Karl Marx verließ Deutschland. Als nach den Märzereignissen des Jahres 1848 die Pressezensur aufgehoben wurde, kam er zurück nach Köln und gründete die „Neue Rheinische Zeitung“, deren Redaktion sich in einem Haus am Heumarkt befand. Ein Informationsschild am Haus Nr. 65 erinnert:

„Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie
Hier befand sich vom 28. August 1848
bis 19. Mai 1849 die Redaktion der ‚Neuen
Rheinischen Zeitung‘. Unter Leitung
von Karl Marx wirkten Heinrich Bürgers,
Ernst Dronke, Friedrich Engels,
Ferdinand Freiligrath, Georg Weerth,
Ferdinand Wolff und Wilhelm Wolff
an einem der bedeutendsten
Blätter der demokratischen Bewegung
in der Revolution von 1848/49“

Einige Monate zuvor hatte Karl Marx zusammen mit Friedrich Engels das „Manifest der Kommunistischen Partei“ verfasst. „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“, heißt es da zu Beginn und zum Schluss: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“. Ich denke mal an die Gegenwart, sehe von den Formulierungen des historischen Textes ab und sage: Wenn 20% der Menschen vieles besitzen, sollten die besitzlosen 80% den Zustand beenden.

Nach Niederschlagung der Aufstände um die Kämpfe für die Reichsverfassung durch preußische Truppen (Dresden, Pfalz, Iserlohn, Rheinland) erschien im Mai 1849 die letzte Ausgabe der „Neuen Rheinischen Zeitung“, ganz in rot gedruckt. Gegen die Redakteure wurden gerichtliche Verfahren eingeleitet, einige wählten das Exil. Karl Marx verließ abermals die Stadt Köln, ging nach London und blieb dort bis zu seinem Tod im Jahre 1883.

Spuren von Robert Blum in Köln
Warum Theodor Althaus?

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„James Rosenquist. Eintauchen ins Bild“

Licht und Schatten, verwirrendes Blätterwerk in Schwarz und Weiß, farbige Strahlen aus einer Mitte, die wie eine Blume aussieht. Ist diese Mitte das Nadelöhr und die runde Scheibe der Amboss? „Through the Eye of the Needle to the Anvil“ heißt das Bild von 1988. Gehören die wunderschönen hellblauen glänzenden Highheels der Mutter des Künstlers? Da ist noch ein kleines schwarzes Kästchen, weit oben versteckt in einer Blattpflanze über den blauen Highheels. „after all awe of itself is death“ steht da weiß auf schwarz (Katalog S. 214). Ja, eine Hommage an seine Mutter. In ihrem Todesjahr hat Rosenquist das Panoramabild gemalt. Im Museum Ludwig in Köln bildet es den Auftakt zur großen Retrospektive „James Rosenquist. Eintauchen ins Bild“, der ersten Ausstellung nach seinem Tod im März 2017.

Rosenquists künstlerische Anfänge in New York sind geprägt von seiner Arbeit als billboard painter am Times Squares und am Broadway. Da hatte er gelernt, Objekte werbewirksam auf große Flächen zu bringen und Werbeanzeigen für seine gestalterische Arbeit zu nutzen. Dem Museum Ludwig ist es gelungen, entsprechende Anzeigen Werken aus den Sechzigern zuzuordnen, so die drei Motive des bekannten „President Elect“. Das Portrait von Präsident Kennedy entstammt einer Anzeige zur Wahlwerbung, das graue Kuchenstück einer für eine Backmischung und der Teil einer Karosserie der für einen Chevrolet. Interessant auch die drei Anzeigen, aus denen „I Love You with My Ford“ entstanden ist. Rosenquist wählt Ausschnitte, kippt das Frauengesicht in die Waagerechte und quetscht es zwischen den Kühler des Fordautos und die Spagetti.

Vor einigen Jahren begegnete ich in der Pop Art Sammlung des Museums Ludwig einem Werk, das mich besonders faszinierte. Ein Bildpanorama befand sich an allen vier Wänden eines Raumes. Ich fühlte mich umgeben von Licht, Farben, Glanz. Scheuklappen wegreißen, Irrwege verlassen, sagte ich mir später und wurde bei jedem Besuch im Ludwig erneut hineingezogen. Die Rauminstallation „Horse Blinders“, bestehend aus mehreren Paneelen, hat Rosenquist Ende der Sechziger geschaffen. Peter Ludwig kaufte sie komplett. Jetzt gehört sie zum Bestand des Museums Ludwig, wurde gerade aufwändig restauriert und ist Teil der Retrospektive. Das durchschnittene Telefonkabel entstammt einer Anzeige von „Western Electric“, erfahre ich nun im Quellenraum. Was soll das im Zusammenspiel mit dem schwarzen Rauch und dem Finger?

Jetzt wird’s politisch. Der amerikanische Kampfbomber F-111 jagt durch das gesamte Panorama über vier Wände dieser Rauminstallation von 1965, tangiert Autoreifen, Kuchen, Glühbirne, Mädchen mit Trockenhaube, Strandschirm über Atompilz und endet mit der Spitze im Spagettihaufen. Jagdbomber verknüpft mit Motiven aus der Konsumwelt. Es heißt, der F-111 wurde auch im Vietnamkrieg eingesetzt. Ja, spätestens zu dem Zeitpunkt wird klar, dass der Pop Art Künstler James Rosenquist einerseits Riesenflächen dekorativ bemalt, andererseits in seinen Bildern Abgründe der Gesellschaft vorführt. „Als nuanciertes, aber kühnes Statement stellte der Künstler in F-111 die Frage: Warum haben wir statt Schulen und Krankenhäusern lieber Bomben gebaut?“ (Katalog S. 113 unten)

Eine dritte Rauminstallation kommt mir völlig anders vor, als alles, was ich bisher von James Rosenquist gesehen habe. Farbig bemalte motivlose Streifen und silbernglänzende Folienbahnen im Wechsel über alle vier Wände. Ich gehe hinein und beginne, mich in den Folienstreifen zu spiegeln, bewege mich im Raum und verfolge fasziniert, wie sich das Zerrbild mit jeder Bewegung ändert. Ein Museumsaufpasser beobachtet mich amüsiert und zeigt mir ein Foto, das draußen hängt. Der Meister persönlich in seinem Atelier, wie er die Paneele aufstellt und von unten her Nebel aufsteigt. Im Katalog (S. 183) lese ich mehr dazu. Nach Rosenquists Vorstellung sollten sich die Leute fühlen wie Astronauten im All „looking in their monitors trying to find their way home“. Das erklärt nun den Titel „Horizon. Home Sweet Home“.

Bekannt ist Rosenquist ja vor allem für seine überdimensionalen Formate. Und davon kann ich in dieser Retrospektive etliche staunend bewundern, zum Beispiel „Time Dust – Black Hole“. Gegenstände aus verschiedenen Bereichen fliegen um das schwarze Loch herum. Ich erkenne eine Blechdose, ein Musikinstrument, Bleistifte und Steine, die womöglich irgendwann im Sog des schwarzen Lochs verschwinden. Auf der gegenüberliegenden Seite hängt das farbige Pendant mit weißem Loch in der Mitte. Das wohl größte Werk der Ausstellung ist Teil #1 vom dreiteiligen „The Swimmer in the Enono-mist“ mit 27 m Länge und 3,50 m Höhe, eine Auftragsarbeit für die deutsche Guggenheim Foundation Berlin. Den Titel nehme ich wörtlich und denke an den Schwimmer in der Welt des Wirtschaftsnebels.

Mit dem blinden Passagier, der bei Lichtgeschwindigkeit nach draußen späht, „The Stowaway Peers Out at the Speed of Light“ aus dem Milleniumjahr beende ich den Bericht über meine Eindrücke zu dieser grandiosen Ausstellung im Museum Ludwig und einem Zitat von Museumsdirektor und Kurator Yilmaz Dziewior: „Es ist dieser Widerspruch zwischen der Poppigkeit der heiteren, leuchtenden Farbwahl zu den mitunter abgrundtief dunklen Inhalten seiner Arbeiten…“ (Katalog S. 240)

„James Rosenquist. Eintauchen ins Bild“ im Museum Ludwig in Köln am 7. und 17. Dezember 2017

Katalog zur Ausstellung „James Rosenquist. Eintauchen ins Bild“, herausgegeben von Stephan Diederich und Yilmaz Dziewior, 2017 Museum Ludwig, Köln

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„Tintoretto – a star was born“

Vor 500 Jahren wurde Jacopo Tintoretto in Venedig geboren. Als Malergenie wurde er weltberühmt. „Tintoretto – a star was born“ ist der Titel einer Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum in Köln. Das Selbstportrait stammt aus dem Jahre 1547. Staunend stehe ich vor einigen Exponaten des Frühwerks, sehe und höre Geschichten von der Königin von Saba, die König Salomo besucht und reich beschenkt, die Heiligen Ludwig und Georg, der einer Prinzessin ins Dekolletee schaut, Eva im Paradies und Adam, der das Apfelangebot nicht ablehnen kann, den coolen Jesus mit hellem Gesicht beim Abendmahl und die Bekehrung des Saulus, bei der es drunter und drüber geht.

„Tintoretto – a star was born“ im Wallraf-Richartz-Museum in Köln am 14. Januar 2018

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„weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt“

Mit Rucksack und Zelt gelangen sie von Freiburg aus zu Fuß und per Anhalter nach Russland, Kasachstan, Tatschikistan, Georgien, Mongolei, Sibirien, Iran, Nepal, Pakistan, Indien, China, Japan, Mexiko, Spanien. Der Film dokumentiert Gwens und Patricks faszinierende Reise zu Metropolen, endlosen Wüsten, weiten Wäldern, schneebedeckten Gipfeln von Ost nach West, rund um die Welt. So toll erzählt, erklärt und gefilmt. Ich bin beim Abendessen in der Jurte dabei, hoch in den Bergen beim Nomaden mit seinem Kamel, mit dem Fernfahrer auf der unbefestigten Straße in Tatschikistan, friere mit, wenn das grüne Zelt zuschneit, warte und bange mit, wenn in den entlegensten Gegenden stundenlang kein Auto kommt, lache mit, wenn die zwei überall von den Menschen herzlich empfangen werden. Nach dreieinhalb Jahren und vielen tausend Kilometern kommen sie als kleine Familie zurück und resümieren: „Was am Ende bleibt, ist die Erfahrung, dass es sich lohnt zu vertrauen.“

„weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt“ am 13. Januar 2018 im Cineplex Hamm

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Ins neue Jahr an der Mosel: „zukunft vegan“

Die Gäste kamen aus Hamburg, Berlin, Wolfsburg, Frankfurt und Oberhausen und wollten an der Mosel den Jahreswechsel feiern. Warum an der Mosel? In Zeltingen Rachtig gibt’s ein Hotel, das vom Frühstücksbuffet oder Brunch bis zum Mehrgängemenü ausschließlich vegane Speisen anbietet. Und warum vegan? Da gibt es verschiedene Gründe. Bei einigen wurden Erkrankungen wie Allergie, Athrose, Rheuma und Gicht durch die Ernährungsumstellung geheilt. Andere haben erlebt, wie einer Kuhmutter die neugeborenen Kälbchen weggenommen wurden, um an die Milch zu kommen. Und alle haben die Massentierhaltung mit all den fatalen Folgen wie Medikamente in der Tiermast, Gensoja im Futter, multiresistente Keime gründlich satt.
„Great balls of Veier“ war das diesjährige Silvestermotto von Johannes Nicolay, der Hotel und Gastronomie in der fünften Generation betreibt und sich als Veganchef in der Küche wahre Zaubereien ausdenkt. Sechs Gänge hatte er kreiert. Dem „Vegei mit Trüffelcreme auf Kartoffelstroh und Friséesalat“ folgten „Karotten-Ingwerschaum mit pikanten Goldleinsamenbällchen“, „Süsslupinen-Kichererbsensoufflée und Butterrüben auf Rote Bete Risotto“, „Mango-Himbeer Sorbet“, „Paprika-Dinkel-Saitan im Chicorée mit Kartoffelmousse und Jus“ und „Gratiniertes Geschmacks Feuerwerk Parfait“ zum Dessert.
Wie schön auch, dass die Gäste auf der Moselterrasse das Jahr 2018 bei einer feinen Show mit leuchtend kreisenden Bällen, Keulen und Fackeln und dem Leuchtmotto „zukunft vegan“ begrüßen konnten.

Silvestermemü im Hotel Nicolay 1881 in Zeltingen-Rachtig an der Mosel

Johannes Nicolays Silvesterarrangement 2016/17 „future is vegan“

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