Folkwang, Bauhaus, Feininger

„Bauhaus am Folkwang“ ist das Motto von drei Kabinettausstellungen im Jubiläumsjahr 2019. Ausgangspunkt ist „die historische Verbindung“ zwischen Bauhaus und Museum Folkwang. Sie lässt sich durch den engen Kontakt zwischen Museumsgründer Karl Ernst Osthaus und dem späteren Direktor des Bauhauses Walter Gropius bis ins Jahr 1908 zurückverfolgen, heißt es in der Presseerklärung. Die erste Kabinettausstellung widmet sich dem im Bauhaus Gründungsjahr 1919 von Gropius an das „Staatliche Bauhaus“ in Weimar berufenen Lyonel Feininger, Urheber der ersten Veröffentlichung dieser neuen Schule der Kunst. Vier der „Zwölf Holzschnitte von Lyonel Feininger“ mitsamt der Mappe sind in einer Vitrine vor einem wandgroßen Foto der Druckpresse zu sehen. Das Werk befindet sich im Besitz des Museums.

Fasziniert stehe ich vor einem weiteren Blatt aus diesem Portfolio, „Die Spaziergänger“ ist der Titel. Hoch oben über den Menschen fährt eine schnuckelige Eisenbahn über eine viaduktähnliche Brücke. Außer der ersten Bauhaus Mappe befinden sich alle weiteren Exponate dieser feinen Ausstellung im Fundus des Museums Folkwang. Gleich neben den Spaziergängern wird in einer Vitrine ein verspieltes kleines Werk präsentiert: eine Stadt aus lustig bemalten Holzhäuschen. Herausragend sind natürlich vier Gemälde in Öl auf Leinwand, mit dabei das Highlight dieser Ausstellung, ein Motiv, das Lyonel Feininger Jahrezehnte seines Künstlerlebens beschäftigt hat: Die Dorfkirche eines thüringischen Örtchens in der Nähe von Weimar, das auch dem Werk seinen Titel gegeben hat: „Gelmeroda IX“.

Selfiespielerei vor dem Zerrspiegel im Foyer: Spiegelwand im Folkwang II

Bauhaus in Münster

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Erlebniseinkauf bei Rampspeck

Wenn ihr mal in Alsfeld seid und sogar auf dem Alsfelder Marktplatz mit dem berühmten Rathaus, steht ihr direkt vor einem Laden, den Carl Rampspeck im Jahr 1823 eröffnet hat. Da kann ich euch nur wünschen, dass er auch gerade geöffnet hat, denn der Eintritt in diesen Laden am Markt 10 ist ein einzigartiges Erlebnis. Das ist mehr als ein Laden. Ramspeck ist Kult.
Gestern war ich dort: Beim ersten Schritt bekam ich unwillkürlich ein Schmunzeln ins Gesicht. Schon im Eingang wusste ihr gar nicht, wohin ich zuerst schauen sollte. Rechts, links, oben, unten, überall stehen und hängen schöne Sachen, seien es unglaublich schön gestaltete Tassen, Porzellan- und Glasfiguren, Metallskulpturen, besonders schöne Postkarten d.h. Geschenkartikel aller Art. Doch auch Alltagsgegenstände für Küche, Keller und Garten finde ich in allen möglichen Variationen von skurril bis schön und wunderschön. Auch nützlich wie die zwei Kochtöpfe, für die ich hineingekommen war.

Als ich die an der Kasse abgelegt hatte, wollte ich doch noch mal weiter schauen, ging durch und da ging’s auch noch in den Hof, fein gepflastert und in Vorostertagen natürlich österlich geschmückt und sortiert mit Hasen und Eiern vom Feinsten. Selbst nach dem Bezahlen entdeckte ich beim Hinausgehen noch eine Treppe. Die führte in den Gewölbekeller. Und auch hier: Staunen über Schönes, Nützliches, Kurioses, Skurriles. Und wie ein Highlight zum Abschluss ein Schild, das für dieses einzigartige Einkaufserlebnis super passte:
„Das Schönste, was wir entdecken können, ist das Geheimnisvolle“.
Was für ein Laden!
Unvergleichlich!!!!!

Alsfelder Marktplatz

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Über die Brücke in den Kölner Hauptbahnhof

Der Moment, wenn man sich im ICE dem Kölner Hauptbahnhof nähert, sich ans Fenster stellt, den Deutzer Bahnhof verlässt, den Triangelturm links liegen lässt, das Reiterdenkmal erreicht und über die Geländer der Hohenzollernbrücke hinweg den Rhein und das ganze Kölner Panorama mit Schiffen, Stapelhäusern, Groß St. Martin, endlich die zwei Türme des Doms entdeckt und man sachte in das Gleis einschwebt.

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Fahrradtour zum Haldenzeichen Radbod

Unsere Radtour beginnt im Hammer Norden vom Bänklerweg, Sudetenweg, Heidewinkel zum Kleingarten am Killwinkel. Dort biegen wir links ab auf die Kohlenbahntrasse und fahren ein Stück entlang der Marathonstrecke zum ehemaligen Zechengelände Radbod. „An den Fördertürmen“ heißt die Straße. Die fahren wir weiter, rechts das Kulturrevier Radbod und drei alte Fördertürme, links das Maschinenhaus und auf die Halde zu.

Auf der gibt es inzwischen das dritte Haldenzeichen in Hamm. Über lange sanft ansteigende Wege geht’s hoch und über die Serpentinen der begehbaren Skulptur auf die Aussichtsplattform mit Blicken in alle Richtungen. Südöstlich sehen wir die zwei weißen Brücken über Lippe und Kanal. Über die fahren wir dann weiter zum Lippepark, gehen noch kurz hoch zum dortigen Haldenzeichen Schacht Franz. Nach Überquerung der Dortmunder Straße fahren wir weiter den Zechenweg, finden ein Rastplätzchen beim Barfußpfad, von wo wir schon das neueste Haldenzeichen Humbert beim Bergwerk Ost entdecken, das aber noch nicht freigegeben ist. Die Kissinger Höhe lassen wir dann links liegen, überqueren bei Pelkum die Kamener Straße. Dann geht’s über Wiescherhöfen, Selmigerheide entlang der Bahnlinie, Drahtindustrie und Eisenbahnbrücke zurück zum Hammer Norden.

Walters Track der Tour mit Haldenzeichen Radbod am 30. März 2019

Haldenzeichen Schacht Franz im Lippepark
Haldenzeichen Kissinger Höhe beim Bergwerk Ost
Baudenkmal Zeche Radbod

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Begegnung mit Alexander von Humboldt

gemalt von Julius Schrader im Jahre 1859, im Hintergrund der Chimborazo

„Ich empfange jedes Jahr durchschnittlich dreitausend Briefe und beantworte etwa zweitausend“, erklärte der 86-jährige Alexander von Humboldt dem 60 Jahre jüngeren Studenten Friedrich Althaus im Sommer 1856 beim Besuch in der Oranienburger Straße in Berlin. Aus Deutschland, Italien, Frankreich, England und Amerika kamen die Briefe an den weltberühmten deutschen Naturforscher, bei dessen Erwähnung ich zuerst an die Erforschung des Rio Orinoco und die Tour 5600 m hoch auf den Vulkan Chimborazo denke.

Briefwechsel und Gespräche Alexander von Humboldt’s mit einem jungen Freunde. Aus den Jahren 1848 bis 1854. Berlin. Verlag von Franz Duncker. (W. Besser’s Verlagshandlung.) 1861

Ein herausragender Geist seiner Zeit, auch noch im hohen Alter, als Friedrich Althaus das Glück hatte, ihm in etlichen Besuchen in Potsdam und seiner Wohnung in Berlin zu begegnen und eine schöne Freundschaft zu entwickeln. Ein Jahr nach Humboldts Tod dokumentierte und publizierte der jüngere Bruder von Theodor Althaus seine Gespräche und Briefwechsel mit dem Wissenschaftler, dessen Werk „Kosmos“ ihn und seine Kommilitonen im sogenannten „Kosmischen Kränzchen“ in Bonn beschäftigt hatte.

Die Faszination dieser schillernden Persönlichkeit hält an. Noch heute sind Studierendengruppen mit Humboldts Entdeckungen in den Bereichen Geologie, Botanik, und Astrologie beschäftigt, vor allem an der Berliner Humboldt-Universität, wo in diesem Jahr zum 250. Geburtstag in besonderer Weise des Entdeckers, Naturforschers, Weltvermessers und Kosmopoliten gedacht wird. Nach dem Motto #WirSindHumboldt wird das Humboldtjahr mit Vorlesungen, Festwoche, Sommerfest und anderen Aktionen ausgiebig gefeiert. 25 Studierende der Geographie unternahmen im März 2019 eine Exkursion nach Teneriffa und begaben sich auf die Spuren des derzeit 30-jährigen Alexander von Humboldt, der auf dem Weg zur Expedition nach Südamerika zwei Wochen auf der Kanareninsel verbrachte. Wie einst Humboldt beschäftigten sie sich mit Fauna, Flora, Kultur und Landschaft, wanderten auf Vulkanwegen, schauten in Kraterabgründe, vom Gipfel des Teide hinunter auf Städte, den atlantischen Ozean und sahen in der Ferne La Palma, La Gomera, El Hierro und Gran Canaria.

Blog der Studierendengruppe zur Exkursion nach Teneriffa im März 2019

Humboldt, Althaus, Kosmos

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Humboldt, Althaus, Kosmos

Episode aus: Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

Während seiner Haft im Staatsgefängnis St. Godehard in Hildesheim hatte Theodor Althaus im Winter 1850 Zugang zur Hildesheimer Dombibliothek. Er las Hölderlins „Empedokles“, Richard Wagners „Kunstwerk der Zukunft“ und machte in den Werken von Flavius Josephus, einem Schriftsteller und Historiker aus dem ersten Jahrhundert nach Christus eine interessante Entdeckung. Er fand eine Textstelle, die Alexander von Humboldt in seinem geographisch historischen Werk „Kosmos“ nicht erwähnt, also wohl übersehen hatte. Es handelte sich um die Überlieferung einer Reise des griechischen Handelsmanns Koläus von Samos, der im 7. Jahrhundert v. Ch. als erster Seefahrer die „Säulen des Herkules“, so nannte man die Meerenge von Gibraltar, durchquert hatte, was bewies, dass der Erdkreis über das Mittelmeer hinaus reichte. Das ließ den Geschichtsschreiber Strabo vermuten, dass im Westen noch ein ferner Inselkontinent existierte. Am 22. Februar 1850 informierte Theodor Althaus den achtzigjährigen Humboldt in einem zweiseitigen Brief über diesen interessanten Zusammenhang, was der mit einem ehrlichen Dank und guten Wünschen für seine Zukunft beantwortete.

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Vorparlament in der Paulskirche am 31. März 1848

aus: Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

Auf der Rückfahrt nach Leipzig war von anarchischer Schwüle [in Berlin nach der Blutnacht vom 18. zum 19. März 1848] nichts mehr zu spüren. Deutsche Fahnen wehten auf den Bahnhöfen und viele Menschen trugen Bänder in Schwarz-Rot-Gold. Nach den Aufständen in Palermo, Paris, Wien, Baden und Berlin gingen die Menschen auf die Straße, wo sich die Empörung über die Knechtschaft der vergangenen Jahrzehnte entlud. Der Anbruch einer neuen Zeit wurde gefeiert, ein deutscher Frühling. Aus Furcht vor weiteren Unruhen erteilten die Könige und Fürsten in den Ländern eiligst Lockerungsregelungen von den Karlsbader Beschlüssen, wie Friedrich Wilhelm IV. in Preußen, Friedrich August in Sachsen und Ernst August in Hannover mit beschwichtigenden Proklamationen, Aufhebung von Pressezensur und Versammlungsverbot, Ministerien wurden eiligst ausgewechselt und Versprechungen gemacht hinsichtlich Bürgerwehren anstelle von gehorsamem Militär.

Althaus‘ Freunde in Leipzig hatten unterdessen nicht geschlafen. Robert Blum hatte auf dem Marktplatz vor Hunderten Zuhörern vom Balkon des Rathauses eine bejubelte Rede gehalten, in der er den Rücktritt der sächsischen Regierung forderte und dafür plädierte, das derzeitige Soldatentum abzuschaffen und alle Bürger zu bewaffnen, damit man mit den jungen Brüdern Hand in Hand gehen könne. Arnold Ruge hatte Die Reform gegründet, ein Organ für eine breite Leserschaft mit dem Ziel, bei allem Enthusiasmus über die errungenen Erfolge Klarheit in das Chaos der verschiedenen Meinungen, Begriffe und Sprachregelungen zu bringen.

Auf der großen politischen Bühne hieß es jetzt zügig handeln, damit das durch die revolutionären Erhebungen gewonnene Potential nicht verpuffte. Einundfünfzig Männer hatten bereits Vorarbeit geleistet. Auf Einladung von Johann Adam Itzstein aus Hallgarten waren sie zusammen gekommen und hatten am 5. März 1848 die sogenannte Erklärung der Heidelberger Versammlung formuliert, in der sie auf Vorschlag von Theodor Welcker sieben Mitglieder benannten, die für alle Länder des Deutschen Bundes eine Nationalvertretung vorbereiten sollten. Dieser Siebenerausschuss tagte am 12. März 1848 und brachte eine Einladung an die Ständemitglieder und eine Auswahl von Vertrauensmännern aus allen Ländern zu einem Vorparlament auf den Weg. Das berufene Gremium sollte die Grundlagen zur Wahl der Mitglieder einer gesamtdeutschen Nationalversammlung schaffen und am 31. März 1848 in Frankfurt zusammen kommen.

Im Wohnzimmer von Robert Blum tagte wieder ein kleiner Kreis, um vor seiner Abreise nach Frankfurt zur Teilnahme am Vorparlament die dort zu vertretende politische Richtung zu besprechen. Man diskutierte wild durcheinander und kam stundenlang nicht auf den Punkt, bis schließlich der Hausherr das Wort ergriff und kurz erklärte, wo es lang gehen sollte. Wer konnte das besser einschätzen als Blum? Er hatte als jahrelanges Mitglied des Hallgartenkreises sowie des Leipziger Stadtparlaments den Überblick, genoss das Vertrauen der Bevölkerung und war ein Meister der Rede, der Organisation und der Beschaffung von Mehrheiten nach demokratischen Prinzipien. Seine Überzeugungskraft suchte ihresgleichen. Wenn er sprach, hörte jeder zu. Das stellte auch Althaus an jenem Abend in Blums Wohnung bewundernd fest.

Das Vorparlament mit 574 Teilnehmern tagte vom 31. März bis zum 3. April 1848 in der Frankfurter Paulskirche. Es sah seine Aufgabe darin, die Art und Weise der Bildung einer parlamentarischen Nationalversammlung mit dem Ziel der Erarbeitung einer Verfassung für ganz Deutschland festzulegen und wählte aus seinen Reihen einen Fünfzigerausschuss, der in Absprache mit der Bundesversammlung den Wahlmodus für die Mitglieder der Nationalversammlung festlegen sollte. Robert Blum gehörte diesem Fünfzigerausschuss an. Die Leipziger Angelegenheiten regelte er während seiner Abwesenheit zusammen mit Vertrauten aus der Entfernung. Auch Theodor gehörte dazu. Blum wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte. Seinem Schwager und engem Mitarbeiter Georg Günther schrieb er am 13. April 1848: Wenn Althaus etwas schreibt, dann ist das gewiss gut, und ich bin im voraus damit einverstanden.

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Es ist wieder März geworden

Es ist März geworden und ich habe wieder eine Einladung aus Berlin, am 18. März an einer Gedenkfeier auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor teilzunehmen. Absender ist die Aktion 18. März um Volker Schröder, die sich seit vielen Jahren um dieses Datum als nationalen Gedenktag bemüht, um den verlustreichen Kampf der Revolutionäre von 1848 in das Bewusstsein der Menschen zu bringen und daran zu erinnern, wie die zarten Pflänzchen der Demokratie in Deutschland von Dummköpfen rücksichtslos zertreten wurden. Immerhin haben Volker Schröder und seine Mitstreiter erreicht, dass dieser Platz in der Mitte der Stadt seit dem Jahre 2000 „Platz des 18. März“ heißt, dass an diesem Tag an öffentlichen Gebäuden in Berlin die Deutschlandflagge im Wind weht und dass auf einer Informationstafel einige Szenen des Geschehens an diesem Märztag im Jahre 1848 und der darauffolgenden Nacht dokumentiert werden. Grund genug für mich, diese Aktion zu unterstützen und wann immer ich kann, von Westfalen nach Berlin zu reisen und an dieser jährlichen Veranstaltung teilzunehmen. Warum mich das als Autorin ganz besonders berührt? Mein Protagonist Theodor Althaus war seinerzeit als Journalist vor Ort. Da lade ich euch doch mal ein zu einer kleinen Zeitreise:

Attacke der Armee gegen unbewaffnete Versammlungsteilnehmer

Barrikade in der neuen Königstraße

Barrikade auf dem Alexanderplatz

„Am 20. März 1848 erreichte er gegen Mittag Berlin. Es war ein seltsames Szenario in der Stadt. Männer, Frauen und Kinder liefen zwischen Barrikaden und herausgerissenen Pflastersteinen. Die meisten feierten einen Sieg. Doch andere suchten verzweifelt nach vermissten Angehörigen. Theodor ging von Kirche zu Kirche, schaute in die jungen Gesichter der dort aufgebahrten Toten, die schrecklichen Wunden, die stille Siegesgewissheit in den bleichen Zügen. Auf der Straße sprach er die Menschen an, hörte ihre Berichte über die Ereignisse der Nacht von Samstag auf Sonntag und setzte das Puzzle zusammen über die friedliche Versammlung vor dem Schloss, die Proklamation des Königs, laute Rufe aus der Menge, die Forderung nach Abzug der Soldaten, zunehmende Unruhe, plötzlich ein Schuss von irgendwoher, noch ein Schuss und dann der fürchterliche Sturm. Unaufhaltsam tobte der in Straßen und auf Plätzen. Alle machten mit beim Bau der Barrikaden, vom einfachen Tagelöhner und Handwerker bis zum Beamten, Studenten, Arzt und Advokaten. Frauen, Kinder und Greise waren dabei. Mit allen Mitteln kämpften sie, beschafften Material für den Barrikadenbau, besorgten Waffen, gossen Kugeln, steckten deutsche Fahnen auf, Frauen versorgten die Kämpfenden mit Speisen und Getränken. Unaufhörlich tönten die Sturmglocken in der Stadt. Die ganze Nacht. Bis zum nächsten Morgen. Bis kein einziger Soldat mehr zu sehen war. In einer Kirche fand er ein stilles Plätzchen, wo er ungestört verweilen konnte. Nachdem er sich ein wenig gefangen hatte, zog er Papier und Feder aus der Tasche und schrieb einen Artikel für die Weser-Zeitung. Das war er den Toten schuldig. Ihr mutiger Kampf durfte nicht umsonst gewesen sein.
Es war schon dunkel, als er am Abend vor dem Haus des Großvaters in Potsdam stand. Obwohl das Fenster des Balkonzimmers hell erleuchtet war, musste er lange auf Einlass warten. Später erfuhr er den Grund. Dräseke war vor Übergriffen von Aufständischen gewarnt worden und die im Hause Anwesenden, des Großvaters jüngere Tochter, Enkelin Elisabeth aus Detmold und ein Diener, fürchteten den dunklen Mann an der Tür und waren heilfroh, als es dann der älteste Enkel war. Der berichtete von den Spuren der Berliner Horrornacht, bevor er sich völlig erschöpft zurückzog. Elisabeth machte sich Sorgen und folgte dem Bruder in sein Zimmer. Der hatte sich schon ins Bett gelegt. Sie erinnerte sich: Ich setzte mich zu ihm und sah nun erst, wie verändert, wie von Erregung und Schmerz durchwühlt seine Züge waren.

Aufbahrung der Toten auf dem Gendarmenmarkt

Am nächsten Tag war Theodor dabei, als König Friedrich Wilhelm IV. mit schwarz-rot-goldener Armbinde durch die Straßen von Berlin ritt und vor Studenten der Berliner Universität eine Rede hielt, wobei er sich zu der verheißungsvollen Formulierung hinreißen ließ: Preußen geht fortan in Deutschland auf. Und er nahm am 22. März auf dem Gendarmenmarkt an der Trauerfeier für die 183 Toten teil, folgte dem unbeschreiblich langen Leichenzug mit den bekränzten Särgen, zunächst bis zum Schloss, wo sich der preußische König Friedrich Wilhelm IV. auf Verlangen des Volkes mit gezogenem Hut vor den toten Revolutionären verbeugen musste, dann vor die Tore der Stadt zur Beisetzung auf dem eigens eingerichteten Friedhof der Märzgefallenen auf einem Hügel in Friedrichhain. Der Leichenzug. Die seidenen, schwarzrothgoldenen Trauerfahnen […] nach den Thränen stumpfte sich alles ab. Zu lang. Die anarchische Schwüle über Berlin, notierte er im Tagebuch.
Er sei ein Mann geworden, meinte Großvater Dräseke und da hatte er recht. Die harte Konfrontation mit den menschlichen Tragödien, die rohe Gewalt gegen die eigenen Brüder, Söhne eines Volkes, hatten ihn in tiefster Seele getroffen. Der Weg würde ein harter und steiniger werden. Die faulen Früchte der Geschichte waren mächtiger, als er es sich in seinen idealen Vorstellungen ausgemalt hatte. So einfach fielen die nicht in sich zusammen. Wie sonst wäre es möglich, dass Soldaten als Spielzeug eines konzeptlosen Monarchen mit vorgeblicher Gottes-Gnaden-Legitimation ein so schreckliches Blutbad anrichteten?
Althaus‘ Artikel erschien unter der Überschrift Die Berliner Revolution am 22. März 1848 auf der Titelseite der Weser-Zeitung. Er hatte den historischen Stellenwert des Geschehens als Bluttaufe der deutschen Freiheit erkannt und eine überaus sensible Würdigung des leidenschaftlich entschlossenen Kampfes gegen die starre Willkürherrschaft des schwachen preußischen Königs verfasst: Die giftige Saat, die Untergrabung alles Vertrauens, das schwankende Spielen zwischen der persönlichen Willkür und den gerechtesten Forderungen des Volkes, die Demoralisation der höchsten Staatsgewalten, welche sich durch den Schein und die Heuchelei eine erträumte Macht zu sichern wähnten, ist nun so blutig aufgegangen. Deutschland wird den achtzehnten März dieses Jahres nie vergessen.

In dem Sinne kam auch in diesem Jahr wieder eine feine Menge vor den Kränzen für die Märzgefallenen und dem Rednerpult der Aktion 18. März zusammen, um daran zu erinnern, wie bitter unsere Demokratie erkämpft wurde und wie sehr wir darum bemüht sein müssen, sie zu erhalten, zu pflegen und der jungen Generation nahezubringen. Die war vertreten durch einen Schüler des Berliner Robert-Blum-Gymnasiums. Jurek Foltys erinnerte an den Namengeber seiner Schule, den wohl fähigsten Kämpfer für Demokratie in Deutschland, Robert Blum, der am 9 November 1848 ohne Prozess brutal hingerichtet wurde und sein Vermächtnis: „Für Freiheit und Fortschritt gab ich alles hin.“ Jurek wünschte sich, die Menschen seiner Generation würden den wertvollen Schatz, unsere Demokratie, mehr wertschätzen als er das zurzeit erlebt. Gleichzeitig wünschte er aber auch, die Strukturen in der Schule wären demokratischer und Kritik und Satire im Netz würden gemäß dem von ihm verstandenen Urheberrecht weniger zensiert. Die Aktion „Fridays for Future“ sei der richtige Weg, sich einzumischen.

Der Blick in die deutsche Geschichte ist ein Kapitel aus meinem Buch: Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

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„Green Book“

„Eine besondere Freundschaft“ heißt es im Untertitel. Im Nachhinein betrachtet passt das sehr gut, wenngleich das titelgebende Leitmotiv, das „Green Book“, diskriminierender Reiseführer für dunkelhäutige Menschen, ständig präsent ist. Gleichzeitig ist der Film, der die Tournee eines schwarzen Pianisten mit seinem weißen Fahrer zeigt, eine Zeitreise in die Sechziger. Rassismus in Amerikas Süden, vom feinen Esstisch bis zum Herzhäuschen. Befürchtete ich zeitweise, der Film würde in Klischee, Klamauk und Plattitüden abgleiten, hält mich doch die außergewöhnlich intensiv dargestellte Freundschaft zwischen Schwarz und Weiß. Diese beiden Darsteller wachsen über die Story hinaus mit einer faszinierenden Performance.

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Johann König in Hamm

*Jubel, Trubel, Heiserkeit*, Letzteres vom Lachen, verbreitete Johann König in der großen Halle im Hammer Maxipark. Ob mit Tasse, Notizzettel, Tagebuch oder einfach nur mit Body und froschgrünem Hemd, hintergründig schräg, diese Performance, vor allem, wenn der Meister der Comedy dann mit kreisendem Hula Hoop Reifen die Halle zum Toben bringt. Tränen gelacht!!!!!

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