Es ist wieder März geworden

Es ist März geworden und ich habe wieder eine Einladung aus Berlin, am 18. März an einer Gedenkfeier auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor teilzunehmen. Absender ist die Aktion 18. März um Volker Schröder, die sich seit vielen Jahren um dieses Datum als nationalen Gedenktag bemüht, um den verlustreichen Kampf der Revolutionäre von 1848 in das Bewusstsein der Menschen zu bringen und daran zu erinnern, wie die zarten Pflänzchen der Demokratie in Deutschland von Dummköpfen rücksichtslos zertreten wurden. Immerhin haben Volker Schröder und seine Mitstreiter erreicht, dass dieser Platz in der Mitte der Stadt seit dem Jahre 2000 „Platz des 18. März“ heißt, dass an diesem Tag an öffentlichen Gebäuden in Berlin die Deutschlandflagge im Wind weht und dass auf einer Informationstafel einige Szenen des Geschehens an diesem Märztag im Jahre 1848 und der darauffolgenden Nacht dokumentiert werden. Grund genug für mich, diese Aktion zu unterstützen und wann immer ich kann, von Westfalen nach Berlin zu reisen und an dieser jährlichen Veranstaltung teilzunehmen. Warum mich das als Autorin ganz besonders berührt? Mein Protagonist Theodor Althaus war seinerzeit als Journalist vor Ort. Da lade ich euch doch mal ein zu einer kleinen Zeitreise:

Attacke der Armee gegen unbewaffnete Versammlungsteilnehmer

Barrikade in der neuen Königstraße

Barrikade auf dem Alexanderplatz

„Am 20. März 1848 erreichte er gegen Mittag Berlin. Es war ein seltsames Szenario in der Stadt. Männer, Frauen und Kinder liefen zwischen Barrikaden und herausgerissenen Pflastersteinen. Die meisten feierten einen Sieg. Doch andere suchten verzweifelt nach vermissten Angehörigen. Theodor ging von Kirche zu Kirche, schaute in die jungen Gesichter der dort aufgebahrten Toten, die schrecklichen Wunden, die stille Siegesgewissheit in den bleichen Zügen. Auf der Straße sprach er die Menschen an, hörte ihre Berichte über die Ereignisse der Nacht von Samstag auf Sonntag und setzte das Puzzle zusammen über die friedliche Versammlung vor dem Schloss, die Proklamation des Königs, laute Rufe aus der Menge, die Forderung nach Abzug der Soldaten, zunehmende Unruhe, plötzlich ein Schuss von irgendwoher, noch ein Schuss und dann der fürchterliche Sturm. Unaufhaltsam tobte der in Straßen und auf Plätzen. Alle machten mit beim Bau der Barrikaden, vom einfachen Tagelöhner und Handwerker bis zum Beamten, Studenten, Arzt und Advokaten. Frauen, Kinder und Greise waren dabei. Mit allen Mitteln kämpften sie, beschafften Material für den Barrikadenbau, besorgten Waffen, gossen Kugeln, steckten deutsche Fahnen auf, Frauen versorgten die Kämpfenden mit Speisen und Getränken. Unaufhörlich tönten die Sturmglocken in der Stadt. Die ganze Nacht. Bis zum nächsten Morgen. Bis kein einziger Soldat mehr zu sehen war. In einer Kirche fand er ein stilles Plätzchen, wo er ungestört verweilen konnte. Nachdem er sich ein wenig gefangen hatte, zog er Papier und Feder aus der Tasche und schrieb einen Artikel für die Weser-Zeitung. Das war er den Toten schuldig. Ihr mutiger Kampf durfte nicht umsonst gewesen sein.
Es war schon dunkel, als er am Abend vor dem Haus des Großvaters in Potsdam stand. Obwohl das Fenster des Balkonzimmers hell erleuchtet war, musste er lange auf Einlass warten. Später erfuhr er den Grund. Dräseke war vor Übergriffen von Aufständischen gewarnt worden und die im Hause Anwesenden, des Großvaters jüngere Tochter, Enkelin Elisabeth aus Detmold und ein Diener, fürchteten den dunklen Mann an der Tür und waren heilfroh, als es dann der älteste Enkel war. Der berichtete von den Spuren der Berliner Horrornacht, bevor er sich völlig erschöpft zurückzog. Elisabeth machte sich Sorgen und folgte dem Bruder in sein Zimmer. Der hatte sich schon ins Bett gelegt. Sie erinnerte sich: Ich setzte mich zu ihm und sah nun erst, wie verändert, wie von Erregung und Schmerz durchwühlt seine Züge waren.

Aufbahrung der Toten auf dem Gendarmenmarkt

Am nächsten Tag war Theodor dabei, als König Friedrich Wilhelm IV. mit schwarz-rot-goldener Armbinde durch die Straßen von Berlin ritt und vor Studenten der Berliner Universität eine Rede hielt, wobei er sich zu der verheißungsvollen Formulierung hinreißen ließ: Preußen geht fortan in Deutschland auf. Und er nahm am 22. März auf dem Gendarmenmarkt an der Trauerfeier für die 183 Toten teil, folgte dem unbeschreiblich langen Leichenzug mit den bekränzten Särgen, zunächst bis zum Schloss, wo sich der preußische König Friedrich Wilhelm IV. auf Verlangen des Volkes mit gezogenem Hut vor den toten Revolutionären verbeugen musste, dann vor die Tore der Stadt zur Beisetzung auf dem eigens eingerichteten Friedhof der Märzgefallenen auf einem Hügel in Friedrichhain. Der Leichenzug. Die seidenen, schwarzrothgoldenen Trauerfahnen […] nach den Thränen stumpfte sich alles ab. Zu lang. Die anarchische Schwüle über Berlin, notierte er im Tagebuch.
Er sei ein Mann geworden, meinte Großvater Dräseke und da hatte er recht. Die harte Konfrontation mit den menschlichen Tragödien, die rohe Gewalt gegen die eigenen Brüder, Söhne eines Volkes, hatten ihn in tiefster Seele getroffen. Der Weg würde ein harter und steiniger werden. Die faulen Früchte der Geschichte waren mächtiger, als er es sich in seinen idealen Vorstellungen ausgemalt hatte. So einfach fielen die nicht in sich zusammen. Wie sonst wäre es möglich, dass Soldaten als Spielzeug eines konzeptlosen Monarchen mit vorgeblicher Gottes-Gnaden-Legitimation ein so schreckliches Blutbad anrichteten?
Althaus‘ Artikel erschien unter der Überschrift Die Berliner Revolution am 22. März 1848 auf der Titelseite der Weser-Zeitung. Er hatte den historischen Stellenwert des Geschehens als Bluttaufe der deutschen Freiheit erkannt und eine überaus sensible Würdigung des leidenschaftlich entschlossenen Kampfes gegen die starre Willkürherrschaft des schwachen preußischen Königs verfasst: Die giftige Saat, die Untergrabung alles Vertrauens, das schwankende Spielen zwischen der persönlichen Willkür und den gerechtesten Forderungen des Volkes, die Demoralisation der höchsten Staatsgewalten, welche sich durch den Schein und die Heuchelei eine erträumte Macht zu sichern wähnten, ist nun so blutig aufgegangen. Deutschland wird den achtzehnten März dieses Jahres nie vergessen.

In dem Sinne kam auch in diesem Jahr wieder eine feine Menge vor den Kränzen für die Märzgefallenen und dem Rednerpult der Aktion 18. März zusammen, um daran zu erinnern, wie bitter unsere Demokratie erkämpft wurde und wie sehr wir darum bemüht sein müssen, sie zu erhalten, zu pflegen und der jungen Generation nahezubringen. Die war vertreten durch einen Schüler des Berliner Robert-Blum-Gymnasiums. Jurek Foltys erinnerte an den Namengeber seiner Schule, den wohl fähigsten Kämpfer für Demokratie in Deutschland, Robert Blum, der am 9 November 1848 ohne Prozess brutal hingerichtet wurde und sein Vermächtnis: „Für Freiheit und Fortschritt gab ich alles hin.“ Jurek wünschte sich, die Menschen seiner Generation würden den wertvollen Schatz, unsere Demokratie, mehr wertschätzen als er das zurzeit erlebt. Gleichzeitig wünschte er aber auch, die Strukturen in der Schule wären demokratischer und Kritik und Satire im Netz würden gemäß dem von ihm verstandenen Urheberrecht weniger zensiert. Die Aktion „Fridays for Future“ sei der richtige Weg, sich einzumischen.

Der Blick in die deutsche Geschichte ist ein Kapitel aus meinem Buch: Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

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„Green Book“

„Eine besondere Freundschaft“ heißt es im Untertitel. Im Nachhinein betrachtet passt das sehr gut, wenngleich das titelgebende Leitmotiv, das „Green Book“, diskriminierender Reiseführer für dunkelhäutige Menschen, ständig präsent ist. Gleichzeitig ist der Film, der die Tournee eines schwarzen Pianisten mit seinem weißen Fahrer zeigt, eine Zeitreise in die Sechziger. Rassismus in Amerikas Süden, vom feinen Esstisch bis zum Herzhäuschen. Befürchtete ich zeitweise, der Film würde in Klischee, Klamauk und Plattitüden abgleiten, hält mich doch die außergewöhnlich intensiv dargestellte Freundschaft zwischen Schwarz und Weiß. Diese beiden Darsteller wachsen über die Story hinaus mit einer faszinierenden Performance.

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Johann König in Hamm

*Jubel, Trubel, Heiserkeit*, Letzteres vom Lachen, verbreitete Johann König in der großen Halle im Hammer Maxipark. Ob mit Tasse, Notizzettel, Tagebuch oder einfach nur mit Body und froschgrünem Hemd, hintergründig schräg, diese Performance, vor allem, wenn der Meister der Comedy dann mit kreisendem Hula Hoop Reifen die Halle zum Toben bringt. Tränen gelacht!!!!!

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Veganer Sonntagsbrunch

Diese Speisen gab es:
Sushi, Sommerrollen mit Erdnusssoße, gebratene Auberginenscheiben und Champignons, Tomaten mit Cashewkäse, Gurken mit Cocktailtomaten und Dill, Blumenkohl- und Brokkolisalat, Grünkernfrikadellchen, Linsendal, Wedges und Bulgur, Ciabattabrot

Rezepte findet ihr in Renates Veganblog: Renate goes vegan

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Weiberfastnacht 2019

Eine Gruppe Frauen in Korsagen, Tüllröcken in rotschwarz, „Stöffchen“ dabei, wartete bereits auf Gleis 10 am Hammer Bahnhof, ICE 654 nach Köln und ich dann ausgerechnet im von ihnen reservierten Wagen. Das bedeutete spezielle Einstimmung auf Weiberfastnacht in der Domstadt. „…kein Mann für eine Nacht“ aus Lautsprechern, so laut mitgesungen, dass man die Durchsagen des Zugpersonals nicht hörte. Da musste ich nun durch. Am Kölner Hauptbahnhof war dann erst richtig Hallas, lange Schlangen vor den Toiletten, Geschiebe in der Bahnhofshalle, Tarnkostümierte mit Geistermasken versuchten mit schrilllauten Schreien Panik zu verbreiten. Beim Anblick der dicht besetzten Treppe zur Domplatte hatte ich einen Moment lang den Impuls, mit dem nächsten Zug in die Hammer Provinz zurückzufahren. Doch mein Ziel war ja die Party von Radio Köln am Tanzbrunnen.

Also erst mal über die Domplatte zur Hohenzollernbrücke. Sperre? Warum? Wegen Glasflaschen, sagte einer der beiden Aufpasser. Ich hatte ja nur mein Handtäschchen dabei. Als ich dann schön ruhig auf der Brücke wanderte, fand ich das mit der Kontrolle doch ganz okay. Ab und zu ein Blick hinunter auf die Rheinpromenade beim Fischmarkt. Richtig viel los, Wagen, Zelte und Menschen in bunt. Auf der schäl Sick ging es ohne Stress am Rhein entlang bis zum Eingang beim Tanzbrunnen, wo es auch ganz ruhig zuging. Ich hatte zwar vorher bei Radio Köln keins von den 11.000 Tickets erwischt, bekam aber noch eins, weil es ja schon Mittag und das Gelände wohl nicht überfüllt war. Super Stimmung. Die Höhner waren gerade bei einer ihrer Zugaben, das hieß sofort mitsingen und schunkeln. Komm her und sei dabei. Viva Colonia. Das galt auch bei den Funky Marys, Rabaue, Kempes Feinest, zwischendurch Henriette Reker in traditionellem Karnevalsoutfit. Schließlich dann Hanak auf der Radio Köln Bühne, seit mehr als zehn Jahren im Karneval dabei, heute mit Sunn, Füer, Haie Hymne und ihrem Ohrwurm Haifischzahn, für ein kleines Lachen. Rakete für Micha Hirsch und seine Jungs!!!!!

Video: Hanaks Haifischzahn am 28. Februar 2019 beim Tanzbrunnen

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Breloers Brecht in Köln

Heinrich Breloer hat in seinem neuesten Projekt wieder Dokumentation und Fiktion in genialer Weise miteinander verknüpft und diesmal Leben und Schaffen des deutschen Text- und Theaterkünstlers Bertolt Brecht auf die Leinwand gebracht. Da ist der Teil des jungen Querdenkers zur Zeit des ersten Weltkriegs gespielt von Tom Schilling und der des älteren mit Exil und kaltem Krieg von Burghard Klaußner.

Die ausverkaufte Vorstellung im Kölner Kultkino „Odeon“ hat mich drei Stunden lang prima unterhalten, außerdem historisches Wissen ergänzt. Arschloch oder Genius? Diese Irritationen um Bertolt Brecht als Dramatiker in der ehemaligen DDR sehe ich jetzt viel klarer. Gegen Terrorherrschaft und Ungerechtigkeit hat er gekämpft bis zum letzten Atemzug.

Highlights:
„Glotzt nicht so romantisch“
Goethe, Schiller, Brecht.
Tom Schilling als junger Brecht.
Energiebündel Helene Weigel.
Bühnenszenen am Schiffbauerdamm.

Fazit:
Sehr viel Stoff in drei Stunden.
Großartiger Film!!!!!

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22. Februar 1841: Rosenmontag in Köln

Nachmittags um vier Uhr am 21. Februar [Sonntag] führte nach langem Warten der Ludwig von Nassau, mit carnevallustigen Reisenden bis zum Sinken überladen, Cruel, Müller und mich nach Köln, wo er uns ganz durchfroren gegen sechs Uhr absetzte. Wir fragten uns glücklich bis zur Brückenstraße durch, um dort zu erfahren, daß die jungen Herren nicht zu Hause wären und wahrscheinlich im Theater sein würden. Dahin begaben wir uns denn auch, bewunderten in Robert dem Teufel die Höflichkeit des Kölner Publicums gegen die Spieler und kamen um zehn Uhr glücklich gegenüber der Columbakirche an, obwohl das vierstündige Stehen unsre Unterthanen nicht wenig angegriffen hatte. Zu unsrer größten Zufriedenheit machte Weerth senior die Thüre selbst auf, kurz darauf taumelte Sancho Pansa in Kemper’s Gestalt die Treppe herunter und bald saßen wir, nachdem auch der jüngere Weerth angekommen war, friedlich auf der alterthümlichen Kneipe unter dem Phaetonsgemälde, bei einigen Flaschen Moseler, die uns bis Mitternacht, und, mit Durchsprechen der gegenseitigen Schicksale und Neuigkeiten und dessen, was da kommen sollte, noch hielten. Hierauf verfügten wir Beglückten uns in unsere respectiven Betten, Weerth senior und Kemper gingn nach des letztern Kneipe, um dort ein Obdach zu suchen. Nach einer halben Stunde jedoch überraschten sie uns mit der Trauerbotschaft, daß das Haus verschlossen sei. Sie fingen also an, ihre Charaktere zu spielen: der Don Quichote bettete sich auf den Fußboden in einen Winkel, mit einigen Mänteln, während Sancho Pansa zu Cruel in’s Bett kroch und uns noch ein halbes Stündchen mit Witzen, wie sie einem Angerissenen ziemen, belustigte, ärgerte und endlich einschläferte. Gegen acht Uhr Morgens ging, noch während des Kaffeetrinkens, die Rumpelei los und die Costümirung begann. Eine Stunde wenigstens erforderte es, bis die rothe Jacke, der Panzer, der Helm Manbrino’s und die übrigen Attribute des Herrn und Meisters angelegt waren, die zweite verfloß mit der Bepinselung desselben und seines Knappen, Warten auf die Reitpferde und einem mit lebhaftem Eifer fortgeführten Zank, ob sie um zehn, elf oder zwölf im kaiserlichen Hof sich versammeln müßten. Endlich, nach einigen verunglückten Versuchen, die Zügel der Rosinante richtig in die Hand zu bekommen, setzte sich Don Quichote, furchtbar anzusehen mit seiner Hellebarde von 1661, seinem hölzernen Schwert und seinen mächtigen roth und gelben Stulpenstiefeln, langsam in Bewegung; ihm folgte Sancho Pansa auf einem Esel, der leider so störrig war, daß die wiederholte Anwendung meines Teutoburgers nicht hinreichte, sondern der Herr des Thiers, der aus zärtlicher Sorgfalt mitgegangen war, es am Zaum nachführen mußte. Auf dem Halse des Thiers vor dem Reiter, dessen schwarzsammtenes Wamms mit aufgeschlitzten Aermeln, kurzer Hose und grauen Strümpfen zu den mächtigen Schnallen auf den Schuhen und dem Strohhut mit rothem Band wohl paßten, hing ein großer Quersack, dessen eine Seite sechs Flaschen Wein zierten, denen auf der andern Seite ein Brod, Aepfel, Zwiebeln und sonstiger Mundvorrath das Gleichgewicht hielten. So verzog sich das edle Paar allmählich und wir folgten ihm auf den Neumarkt, wo schon in dem durch Seile abgeschlossenen und von Soldaten bewachten Raume, unter den in den buntesten Farben flatternden Carnevalsfahnen, ein noch bunteres Gewimmel herrschte.
Allmächlich zogen, unter Musik und eigenen und fremden Beifallsrufen, die einzelnen Wagen und Reiter auf den Platz, neugierig von der umstehenden Menge angegafft, während ein Kreis von Schönen auf den Balconen der größten Häuser stolz auf die geringeren Sterblichen herabsah und einzelne Schaulustige sogar die platten Dächer occupirt hatten. Aber nun – wer zählt die Völker und mehr noch, wer nennt, ohne die ausgestreuten, aber von Unbekannten schwer zu erhaltenden Gedichte, alle die wirklichen und imaginirten Witze, Anspielungen, Satiren und Charactere? Da thronte auf einem Sonnenwagen der Hanswurst, der sich voriges Carneval verlobt hatte, dessen Verbindung aber in diesem kurzen Zeitraum schon mit drei hoffnungsvollen Sprößlingen gesegnet war, die von Blumen bekränzt, auf den weißen, die Sonne umgebenden Wolken hingegossen, oder, um die prosaische Wahrheit zu sagen, fest angebunden waren. Wie bei den alten Helden, wurde auch hier gerechter Tadel den Uebermüthigen erheilt, denn die Darstellung der Bäckersoirée war eine beißende Satire auf die ehrenwerthe Zunft, die sich zu einem eigenen Comité hatte vereinigen wollen, das sich tragisch in Schlägereien aufgelöst hatte. Höhere Verhältnisse travestirte der gordische Knoten, in Form einer phantastisch bemalten Kugel, zu dessen Lösung aber nicht Alexander, sondern der Hanswurst, und nicht auf den Flügeln des Sieges, sondern an einem langen Strick von einem Thürmchen herabschwebte und ihn nicht durch das antike Schwert, sondern durch die moderne Knallrakete löste. Trauriges Schicksal prophezeite die grüne Schanze von dürrem Heu, mit der pappenen Kanone, als Abbild der Befestigung von Paris; denn so oft das Hauptgebäude angewackelt kam, blitzte das Pulver der Kanone aus guten Gründen ab, und wenn nach langem Trommeln und Kriegsgeschrei drinnen der gallische Hahn auf der Zinne seine Flügel ausbreiten wollte, so hielt der verwünschte kleine Junge in englischer Uniform ihn zurück. Gleicher Hohn traf die französische Propaganda, welche auf einem anderen Wagen unumwunden für Marktschreierei erklärt wurde: denn auf diesem saß der treue deutsche Rhein, und in dieser Qualität hatte er allerdings genügenden Vorwand, von seinem Sohn, dem treuen deutschen Rheinwein, den sie auch nicht haben sollen, eine Flasche nach der anderen zu leeren. Geistreich deuteten auf der Rückseite des Wagens sechs große Teller das Ehrengeschenk an den Nationaldichter an. Drei Tyroler Scharfschützenn machten ihrem Gewerbe Ehre; wenigstens wenn man nah dem schloß, was aus ihren enormen Waidtaschen an kalter Küche zum Vorschein kam mußten sie gute Jagd gehabt haben. Große Kunstfertigkeit in der Musik bewiesen die Hunde-, Affen- und Löwen-Masken, welche die Stadtmusiker verdeckten; furchtbare Gefühle flößten die geharnischten Reiter und der grimmige Türkenritter ein, die sich aber in sanftere Empfindungen auflösten, wenn man die friedfertigen kölnischen Stadtsoldaten, mit dem Schmauchstengel im Mund, im Costüm des 19. Jahrhunderts aufmarschiren sah; Mitleid überwältigte endlich ein zartfühlendes Herz, wenn man zuschaute, wie die guten altdeutschen Herren und Damen sechs Stunden lang auf dem harten Pflaster ihre Menuett aufführten. Erinnerungen an vergangene Herrlichkeiten erweckte nicht minder ein Wagen, auf dem ein Schiff mit vielen am Mast aufgezogenen Flaggen thronte, das sogenannte ‚Alaaf Köllen‘, ein Refrain, an dem sich der patriotische kölnische Spießbürger den ganzen Tag über recht was zu gute that. Und welches kölnische Herz eines Bonvivant schlug nicht höher, wenn er den Karren betrachtete, worauf das mit Stroh gedeckte Häuschen mit der Ueberschrift: ‚Zur schönen Aussicht‘ als Parodie einer renommirten Restauration gleichen Namens stand. So fühlte sich auch Jeder, der sich bewußt war, für Freiheit und Humanität zu glühen, freudig bewegt, wenn er auf einem großen Gefährt die Stange mit der Inschrift; ‚Emancipation der Pudel‘ stehen sah und darunter die Pudelmasken in den verschiedensten menschlichen Beschäftigungen – freilich kein Wunder, da unter dem Pudelfell lauter junge Menschlein steckten. Selbst ein Timon hätte gelacht, hätte er das Hanswursttheater passiren sehen, wo die Acteurs, die bis an den Gürtel im Bretterverschlag standen, sich um den Leib kleine fußlange Beinchen befestigt hatten und so, wenn sie diese heraushängen ließen, die possirliche Figur bildeten. Welcher Hagestolz hätte nicht geschmunzelt, wenn er die drei alten Jungfern sah, die um Beiträge zur Erweiterung des Gereonsstiftes baten, da dieses seit geraumer Zeit die vielen alten Jungfern, die es jetzt habe, nicht mehr fasse. Jeder, der in der deutschen Literatur bewandert war, mußte sich an Faust erinnern, wenn er die mit Meerkatzen, Katern, Kochlöffeln, Kesseln und Kräuterbündeln ausstaffirte Hexenküche gewahrte und zog seine Lorgnette hervor, um zu sehen, ob an dem sechseckigen, bloß mit Inschriften versehenen Kasten etwas Interessantes oder Witziges zu finden sei – ich vermuthe aber, daß er sie bald wieder in die Tasche gesteckt hat.“

Der Bonner Student Theodor Althaus im Brief an die Eltern in Detmold im Februar 1841.

Aus: Friedrich Althaus. Theodor Althaus. Ein Lebensbild.
Bonn Verlag von Emil Strauß 1888, S. 33-37

„Der gordische Knoten und seine Lösung“ war das Motto des Kölner Rosenmontagszuges 1841

Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

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„Andy Warhol – Pop goes Art“

Wer Plattencover aus den Sechzigern und Siebzigern im Schrank stehen hat, kennt den Zusammenhang von Musik und Design und weiß, dass es sich zum Teil um Schätze handelt. Eine ganze Sammlung solcher Schätze hat der Kölner Kunstmäzen Ulrich Reininghaus dem Museum für angewandte Kunst Köln zur Verfügung gestellt für die Ausstellung „Andy Warhol – Pop goes Art“. Es handelt sich um die komplette Reihe schön gestalteter, zum Teil sehr bekannter, Cover mitsamt Entwürfen und Skizzen, präsentiert im Zusammenspiel mit Hörproben wie die Playlist des 1966 von Warhol produzierten und gestalteten Albums „The Velvet Underground & Nico“. Dessen Bananenmotiv diente als Vorlage für das Ausstellungsplakat. Nico ist die in Köln geborene Christa Päffgen, deren Biografie dem in der Ausstellung gezeigten Film „Nico, 1988“ zugrunde liegt.

„Wie soll ich Andy beschreiben? Er ist ein Genie. Er kann einfach alles sein – gut, schlecht, mittelmäßig, lausig, schrecklich, schockierend. Was soll ich sagen? Es ist, als betrachte man das Leben selbst.“ Dieses Zitat von Andys Mutter Julia Warhola ist in goldener Schrift an der Wand des ersten Raumes zu lesen. Und das lass ich mal so stehen. Eine sehenswerte Ausstellung in jedem Falle.

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„Bang Bang“

Es war ein Gutscheingeschenk, das etliche Monate auf Einlösung warten musste. Heute Nachmittag war es so weit. Vom Bahnhof Münster gerade mal eine Straße überqueren und schon waren wir im Varieté Theater GOP, erst an der Garderobe, dann an Tisch 88, wo schon Kaffee und Kuchen bereit standen. Pünktlich um 14 Uhr große Ankündigung aus dem Lautsprecher und eintauchen in die Showwelt der Spaßmacher, Jongleure, Artisten und Akrobaten am Kleiderständer, auf der Kiste, im Reifen und hoch oben in der Luft an Trapez, Stange und roten Bändern. Alles zu feinster Musik einschließlich dem Leitmotiv „Bang Bang shot me down“ und umrahmt von echt lustigen Comedien, schrillen Tanzgeistern und herrlichen Bühnentrotteln. Das waren zwei Stunden beste Unterhaltung.

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Anonymous for the Voiceless

Sie stehen in der Kölner Hohestraße und zeigen Videos von der Qual der „Nutztiere“, die später als Fleisch, Wurst, Käse, Sahnetorte, Eierspeisen auf den Tellern der Vorbeigehenden landen. Die Aktivisten von „Anonymous for the voiceless“ geben denjenigen eine Stimme, die sich gegen die unvorstellbaren Grausamkeiten in Geflügelfarmen und Schlachthäusern nicht wehren können.

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