Max Mutzke & monoPunk in Hamm

Einer der Top Acts beim 8. Internationalen Jazzfest in Hamm war Max Mutzke & monoPunk. Aus dem Schwarzwald angereist. Hamm? Nie gehört! Erst mal herantasten, muss sich der Max gesagt haben. Cooles Outfit in Schwarz, weißer Kragen und Manschetten, Weste fein zugeknöpft, die ersten Songs mit gebremster Rassel vorgetragen. Doch bei „Can’t wait until tonight“ ging die Post ab. Das Publikum sprang von den Sitzen, sang mit, pfiff und tobte. Und Max spielte die Klaviatur mit Stimme, Körper, Mikrofon, ihr könnt aufstehn, euch setzen oder auch stehen bleiben. Perfekt, jeder Song, jeder Ton, jede Ansprache. Da war ein musikalischer Diamant mit exzellenten Musikern auf der Bühne im Kurhaus, bizarr, gefühlvoll, kreischend, magisch.

Und hier gibt’s Max, monoPunk und Hammer Publikum im Video:
Can’t wait until tonight

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Haldenzeichen auf der Kissinger Höhe

Die Kissinger Höhe ist eine Halde im Hammer Stadtteil Herringen, entstanden durch Aufschüttung von Steinen, die im benachbarten Bergwerk Ost zusammen mit Steinkohle aus hunderten Metern Tiefe zu Tage gefördert wurden. Dabei kam eine beträchtliche Höhe von mehr als 110 m über dem Meeresspiegel zusammen, inzwischen aufgeforstet und mit Wanderwegen Naherholungssuchenden zugänglich gemacht.
Dieses und alle Bergwerke der Umgebung sind inzwischen stillgelegt, haben aber ihre Spuren hinterlassen, zum Beispiel in Form von Halden. Und als besonderes Zeichen der Erinnerung entstand die Idee der begehbaren Haldenzeichen. Nach dem am Schacht Franz im Lippepark ist dieses nun das zweite von fünf. Die Denkmale auf den Halden Radbod, Humpert und Sundern sind wohl in der Planung.

Haldenzeichen im Lippepark

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Zeche Zollern in Dortmund

Im äußersten Westen von Dortmund liegt im Stadtteil Bövinghausen das Industriemuseum Zeche Zollern. Von dem 1898 gegründeten und 1966 geschlossenen Bergwerk ist ein Gebäudeensemble mit wunderschönen Backsteinfassaden und zwei Fördertürmen erhalten. Den südlichen kann man sogar hochklettern und bekommt einen Blick über die gesamte Anlage, in das Umland und sogar bis zur Dortmunder Innenstadt.

Hier befinde ich mich in unmittelbarer Nähe zu den dicken Stahlseilen auf großen Rollen und den Einstiegen zur Seilfahrt in fast 500 m Tiefe. Hier wurde auch die von den Bergleuten gewonnene Steinkohle in kleinen Wagen, genannt Loren, an die Oberfläche befördert. Die Seile sind verbunden mit der Maschinenhalle direkt gegenüber. Von den großen Maschinen in dieser Halle wurden sie angetrieben, für das Industriemuseum liebevoll restauriert.

Das feine Jugendstilportal kann ich schon von hier oben anschauen bevor ich hineingehe. Nicht nur das Portal mit bunten Glasfeldern, sondern die gesamte Halle ist ein wahres Schmuckstück, Herz der Bergwerksanlage. Obwohl ich von riesengroßen technischen Geräten umgeben bin, empfinde ich den Raum als hell und einladend. Die schönen großen Fenster, die Marmorwand mit den Geräten und die feine Uhr darüber bringen mich zum Staunen.

Auch die umliegenden Gebäude haben es in sich. Da ist die alte Waschkaue, an deren Decke all die Körbe hängen. Hier hinein legten die Bergleute zu Beginn der Schicht ihre Kleidung, wechselten in die Arbeitskleidung und zogen den Korb unter die Decke. Nach getaner Schwerarbeit dann umgekehrt, Arbeitskleidung an die Decke und nach Dusche gegen den Kohlenstaub mit Alltagskleidung in den Feierabend, vielleicht mit der Vespa zum Kino.

In der Lohnhalle gibt es Wechselausstellungen, zurzeit „RevierGestalten. Von Orten und Menschen“. Strukturwandel ist das Stichwort. Neue Perspektiven für die Menschen im Revier. Interessant dazu der Film „Das Gegenteil von Grau“, zwei Beispiele zum Umgang mit freigewordenen Flächen und Räumen, einem Garten- sowie einem Gastronomieprojekt.

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Gerd Bucerius. Wem gehört die Pressefreiheit?

Am 19. Mai 1906 wurde Gerd Bucerius in Hamm in Westfalen geboren. Die ersten zwei Jahre seines Lebens verbrachte er zusammen mit seinen Eltern Maria und dem Rechtsanwalt Walter Bucerius in dieser Stadt an der Lippe. Eine Informationstafel an seinem Geburtshaus in der Weststraße 8 erinnert an den bekannten Publizisten und Verleger des Hamburger Magazins DIE ZEIT.

Fiktionaler Text, den ich anlässlich einer Veranstaltung zum 100. Geburtstag im Jahre 2006 geschrieben habe:

Wem gehört die Pressefreiheit?

Das ist ja unglaublich, schnaubte er, schob die Postmappe weg,
sprang vom Schreibtisch auf und rannte im Zimmer hin und her.
Die ZEIT nicht interessiert an Anzeigen?
Lebensversicherungsplan in der ZEIT sehr schlecht besprochen?
Welcher Redakteur hatte diesen Artikel geschrieben?
Er lief zum Schreibtisch zurück,
griff den Telefonhörer und drehte die Wählscheibe.
Doch bevor sich in der Redaktion jemand melden konnte, knallte er den Hörer zurück auf die Gabel und nahm das Schreiben aus der Mappe.
Während er umherging, las er noch einmal den Text:

„Sehr geehrter Herr Doktor Bucerius,

Herr Generaldirektor Werner übergab uns Ihren Brief vom 14. Mai des Jahres, mit dem Sie darum bitten, daß unser Haus seine Finanzanzeigen auch in der ZEIT veröffentlicht.
Nun hat die ZEIT in ihrer vorletzten Ausgabe unseren neuen Lebensversicherungsplan 34c sehr schlecht besprochen.
Ich nehme an, dass Sie unter diesen Umständen auch an Anzeigen unseres Hauses nicht interessiert sind.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Albert – Generalsekretariat“

Gerd Bucerius holte tief Luft.
Das ging entschieden zu weit.
Eine Frechheit war das.
Er setzte sich zurück an seinen Schreibtisch und dachte nach.
Nein, mit der Redaktion wollte er jetzt nicht reden.
Völlig unwichtig, wer diesen Artikel geschrieben hatte.
Was hatten journalistische Inhalte mit Anzeigen zu tun?
Hier musste er als Verleger reagieren.
Diese Unverfrorenheit gehörte an die Öffentlichkeit.
Er selbst würde einen Artikel für die nächste Ausgabe der ZEIT darüber schreiben. Dann könnte jeder mit eigenen Augen lesen, wie korrupt hier ein Unternehmen versuchte, Einfluss auf die Presse zu nehmen.
Er schraubte den Füllhalter auf und notierte seine Gedanken:

Wie wird ein Presseorgan finanziert?
Was sind die Aufgaben eines Verlegers?
Welche Freiheiten haben Redakteure und wo sind ihre Grenzen?
Können Verleger ihren Redakteuren vorschreiben, was sie schreiben?
Können Anzeigenkunden Verlegern vorschreiben, was ihre Redakteure zu schreiben oder nicht zu schreiben haben?
Wem gehört eigentlich die Pressefreiheit?

Er legte den Füllhalter zur Seite.
Ein Unternehmen öffentlich bloßstellen?
Nein, ein Artikel war nicht der richtige Weg.
Nichts als Ärger würde das bringen. Wäre im Übrigen auch nicht klug, in der jetzigen Finanzsituation. Ein Bumerang wäre das. Die ZEIT benötigte dringend jede Mark. Denn da bliebe immer noch die drückende Frage: Wie kommt die ZEIT aus ihrem finanziellen Loch heraus?

Einen Termin machen mit dem Generaldirektor und dem Chef der Werbeabteilung. Ein Gespräch führen. In Ruhe die Gegenseite anhören und sachlich seinen Standpunkt darstellen.
Keine Verquickung der Kompetenzen von Verlag und Redaktion.
Klare Trennung, doch…
Eigentlich selbstverständlich in demokratischen Strukturen.
Wegen einer Selbstverständlichkeit sollte er zu Kreuze kriechen?
Auf gar keinen Fall würde er das tun.
Bei den Unternehmungen würde sich das herumsprechen und man würde immer wieder versuchen, ihn und seine Mitarbeiter unter Druck zu setzen. Ja, er hatte um Finanzanzeigen in der ZEIT gebeten.
Ja, die ZEIT brauchte Geld und musste Anzeigen verkaufen,
aber nicht um jeden Preis.

Einige Tage später hatte er die Antwort formuliert und bat seine Sekretärin zum Diktat:

„Sehr geehrter Herr Albert,
freundlichen Dank für Ihren Brief vom 20. Mai. In Ihrem Hause ist es nicht ganz klar, dass Redaktion und Anzeigenabteilung einer Zeitung scharf getrennt sind. Damit sich solche Mißverständnisse nicht wieder ereignen, habe ich die Anzeigenabteilung der ZEIT angewiesen, Anzeigen Ihres Hauses nicht mehr entgegenzunehmen.“

(Die kursiv gesetzten Textstellen sind zitiert aus: Gerd Bucerius: Der angeklagte Verleger, München 1974, S. 14-15)

©Renate Hupfeld 11/2006

Mehr Bilder zur Geburtsstadt von Gerd Bucerius gibt’s hier:
Hammfiction

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Hartmut Lange: „Im Museum“

Einmal Geschehenes kann man nicht zurückholen, auch nicht, indem man Exponate aus vergangenen Zeiten im Museum präsentiert. Da ist das Kleidungsstück fein ausgestellt, doch der Mensch, der vor Jahrhunderten darin steckte, bleibt für immer verschwunden. Ist es denn verrückt, wenn in Erzählungen Gestalten aus vergangenen Epochen in einem Museum lebendig werden? ‚Die Literatur hat ihren eigenen Wahrheitsgrund‘, meint Hartmut Lange und lässt in den sieben Kapiteln seines Bändchens ‚Im Museum. Unheimliche Begebenheiten‘ Protagonisten aus den Tiefen der Geschichte, Museumspersonal und Besucher einander begegnen. Es ist wahrhaft mysteriös, was sich in Hallen, Gängen, Korridoren, auf Treppen und Emporen des Deutschen Historischen Museums in Berlin abspielt.

Wer hätte als Besucher einer Ausstellung nicht schon einmal darüber nachgedacht, was in jemandem vorgeht, dessen Aufgabe darin besteht, Exponate zu bewachen? Zum Beispiel die Frau, die Tag für Tag unauffällig ihre Arbeit neben der Statue Carls des Großen macht. In Langes Geschichte bekommt sie einen Namen und sitzt nach Feierabend auf ihrem Sofa. Wir sind dabei, wie die höchst zuverlässige Frau Bachmann auf der Suche nach der Ursache eines Luftzuges die abendliche Schließung des Gebäudes verpasst, die Nacht im Museum verbringt und spurlos verschwindet. Und da ist Aufseherkollege Klinger, zu DDR Zeiten Leutnant der Staatsicherheit. Als Aufpasser sieht er sich nun mit einem ‚Schuppen voller Plunder‘ konfrontiert. Ihn zieht es in einen Geheimgang im Keller des Hauses, in den er einen arglosen Besucher locken und einen fiesen Plan verwirklichen will.

In nächtlicher Stille wäre das ‚Gluckern in den Heizkörpern‘ und das ‚Knacken unter dem Fußboden‘ ganz normal, wäre da nicht der Schatten eines Mannes mit Militärkappe, der zu Lebzeiten in seinem Rassenwahn Deutschland und Europa terrorisierte. Nacht für Nacht geistert er ruhelos durch die Ausstellungsräume. Die Darstellung eines anderen Despoten lässt ihm keine Ruhe. Da wird das Bildnis Napoleon Bonapartes kostbar mit Brokat und Lorbeerkranz präsentiert, er hingegen ‚wie ein Paria‘ in den Keller verbannt.

Wenn ein Herr Polenz nach Feierabend in die von der Frau verlassene Wohnung kommt, einen Zettel vorfindet, und danach ohne besondere Absicht das Deutsche Historische Museum betritt, ahne ich schon Verwicklungen. Wie ist es möglich, dass weder die Drehtür zum Festungsgraben noch die zum Boulevard Unter den Linden ihn wieder herauslässt und er sein zu Hause im Flur abgestelltes Fagott und die Querflöte im notbeleuchteten Museumsfoyer entdeckt? Und es hat auch etwas Skurriles, wenn eine Frau aus dem 19. Jahrhundert ihrer kleinen Tochter erklärt, warum sie vor der ratternden Rolltreppe keine Angst haben muss und wenn ein junger Volontär mitten in der Nacht heimlich zuschaut, wie jene Mutter und ihr Kind auf den Fliesen im menschenleeren Schlüterhof sitzen und durch das Glasdach den Himmel anschauen.

Wie es sein kann, dass ein Foto von Rodins ‚Denker‘ immer wieder Risse und Kratzer bekommt, fragt sich ein Mitglied des Fördervereins in der letzten Story im Buch. Von einem gewaltsam zu Tode gekommenen Mann wird er darüber aufgeklärt, was sein Schicksal mit Denken zu tun hat. Die Parole ‚liberté, égalité, fraternité‘ hat ihm den Tod gebracht. ‚Und war es nicht tatsächlich so, dass sich das Töten durch die Perversion des Denkens bis in alle Ewigkeit fortsetzte?‘, resümiert der Erzähler.

In den sieben Erzählungen ‚Im Museum‘, die alle im Gebäude des Deutschen Historischen Museum in Berlin spielen, lässt der für seine herausragenden Novellen bekannte Autor Hartmut Lange Protagonisten aus der Gegenwart und aus verschiedenen Epochen einander begegnen und im Dialog miteinander auftreten. Am liebsten nachts bei Notbeleuchtung schickt er sie in den dunklen Korridor, vor die verschlossene Tür, die frisch verputzte Wand, ins Museumscafé, in den Schlüterhof und den ‚Gigantenhäuptern mit qualvoll aufgerissenen Mündern‘ und lässt sie an der verflixten Drehtür verzweifeln. Dabei spielt er souverän mit verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven, schlüpft mal in die Rolle des allwissenden Erzählers mal in die des einen oder anderen Protagonisten. Angenehm, mit welcher Selbstverständlichkeit ihm das fern jeder besserwisserischen Psychoschau gelingt. Beim wiederholten Lesen versuche ich mir zu erklären, mit welcher sprachlichen Raffinesse Hartmut Lange es schafft, diesen Sog zu erzeugen, der mich unwillkürlich am Text hält. Da ist der Widerspruch zwischen schnörkellosen, ja banal anmutenden Formulierungen und der gespannten Erwartung, welche Überraschung der Autor denn nun wieder für mich bereit hält. Und wie könnte ich nicht Abgründe wittern, wenn ein Kapitel so beginnt: ‚Ich gebe zu, ich mache mir unnötige Gedanken, und ich hatte unlängst die Gelegenheit, vor einem dunklen Korridor zu sitzen.‘ (C) Renate Hupfeld

Hartmut Lange: „Im Museum. Unheimliche Begebenheiten“ im Diogenes Verlag

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Kreuzblume und Domspitzen

Schon öfter hab ich mich beim Überqueren der Kölner Domplatte gefragt, was eigentlich das seltsam verschnörkelte Gebilde zwischen Treppe und Unter Fettenhennen bedeutet. Ich hab es mir mal genauer angesehen und Informationsschilder entdeckt, sogar in allen erdenklichen Sprachen. Darauf steht:

Modell der Kreuzblume
auf den Domtürmen
in Originalgröße
Symbol der Domvollendung 1880
Höhe 9,90 m Breite 4,60 m

Aha! Das hätte ich so nie in Verbindung gebracht, in viel zu großer Höhe befinden sich die Originale, auf dem Nordturm 149 m und Südturm 157 m. Diese Skulptur an der Treppe ist eine Nachbildung. An der werde ich nun nie mehr ahnungslos vorbeigehen.

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Ruprecht Frieling zu Theodor Althaus

Geschichtliche Fundgrube

Theodor Althaus wurde zwar nicht einmal 30 Jahre alt, aber seine Rolle in Deutschlands bürgerlich-demokratischer Revolution 1848 ist es wert, näher beleuchtet zu werden. Renate Hupfeld erfüllt diese Aufgabe mit gewissenhafter Recherche und bildhafter Sprache.

Althaus wird am 26.10.1822 in Detmold in eine klerikal-protestantische Familie geboren. Der Vater bekleidet später das Amt des Generalsuperintenden des Fürstentums Lippe, die Mutter war Tochter eines Bischofs. Schon früh zeigt sich die außergewöhnliche Begabung des Jungen, der ein Einser-Abitur hinlegt und mit 18 zum Studium der Theologie nach Bonn umzieht. An der Uni kommt er schnell in Berührung mit freigeistigen Tendenzen des Vormärz, der mit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm IV. in Preußen im Jahre 1840 zur vollen Blüte kommt. (Der König hatte die sogenannten Karlsbader Beschlüsse teilweise außer Kraft gesetzt und damit unwillentlich die Intitialzündung zum nationalen Aufbruch gegeben. Bei diesen Beschlüssen handelte es sich um die vom österreichischen Außenminister und späteren Staatskanzler Metternich betriebene Bespitzelung von liberalen und nationalen Kreisen.)

Der junge Student kommt in Kontakt mit kritischen Denkern, Philosophen und Literaten wie Gottfried Kinkel, Ernst Moritz Arndt, Georg Weerth, Hoffmann von Fallersleben, Georg Herwegh. Er nimmt an Diskussionsrunden, Denker-Clubs und Kränzchen teil, die ihm helfen, sich zu einem glühenden Demokraten zu entwickeln. Er schreibt Gedichte, Aufsätze und Theaterstücke. Erste Veröffentlichungen in Zeitungen folgen. Aus seinen Texten schimmert sein Traum von einer selbstbewussten deutschen Nation. Er hält wenig von den herrschenden monarchischen Strukturen und ihrem selbstherrlichen Absolutismus und fällt bald dadurch auf, dass er seine Klappe nicht halten kann.

Mit seinen Texten manövriert sich der junge Heißsporn allerdings bald ins gesellschaftliche Abseits. Er hat es nach Abschluß seines Studiums deshalb nicht immer leicht, seine Artikel in den meinungsbildenden Blättern unterzubringen. Nach Überlegungen, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und Landpfarrer zu werden, muss er erkennen, dass er sich selbst diese Karriere verbaut hat. Also beschreitet er die Laufbahn aller freien Geister jener Tage: Er führt ein freies Literatenleben und verdient sein Geld mit dem Schreiben von Artikeln.

Die Märzrevolution des Jahres 1848 erlebt er unmittelbar in Berlin. Den vielen Toten setzt er mit seinen Artikeln ein literarisches Denkmal. Seine Würdigung des Freiheitskampfes des Bürgertums gegen den Absolutismus erscheint in der überregionalen Weser-Zeitung. Als »Bluttaufe der deutschen Freiheit« bezeichnet Althaus den Zoll der dramatischen Ereignisse jener Tage. Die Reaktion konservativer Kreise auf seine Arbeiten sind heftig: Mit Flugschriften und offenen Briefen wird gegen die Zeitung und seine Artikel polemisiert. Althaus schlüpft als Leitender Redakteur bei der »Zeitung für Norddeutschland« unter, die erstmals am 1. Januar 1849 erscheint. In seinen Beiträgen plädiert er für die Grundrechte des deutschen Volkes wie Meinungsfreiheit, Aufhebung der Stände, Presse- und Versammlungsreiheit, kurz all das, was wir heute als bürgerliche Grundrechte für selbstverständlich erachten.

Als am 28. März 1849 nach monatelangem Hickhack die Verfassung des deutschen Reiches verkündet wird, ist Althaus hoch zufrieden, weil er die Werte Vaterland, Einheit und Freiheit festgeschrieben sieht. Doch die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Am 14. Mai 1849 wird der aufmüpfige Redakteur verhaftet und wegen seiner engagierten Veröffentlichungen ins Gefängnis gesteckt und zu drei Jahren Haft verurteilt. Als er nach einem Jahr und einem Tag vorzeitig den Knast verlassen darf, ist er bereits ein kranker Mann. Am 2. April 1852 stirbt Theodor Althaus in Gotha und wird dort auch beigesetzt.

Autorin Renate Hupfeld versteht es in ihrem Buch ausgezeichnet, den Lebensweg des Freiheitskämpfers detailliert zu schildern. Sie zeigt dabei vor allem die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe auf, die den Frühmärz bestimmten. Ein geschichtlicher Überblick sowie ein Quellen-, Personen- und Literaturverzeichnis erleichtern die Orientierung im Thema. Schließlich fügte die Autorin zahlreiche Fotos von den Wirkungsstätten und Orten bei, die Theodor Althaus besuchte.

Die Veröffentlichung würdigt den Revolutionär Theodor Althaus, der sich mit jungen Jahren für den demokratischen Aufbruch Deutschlands einsetzte. Das Buch ist für jeden, der sich für neuere deutsche Geschichte interessiert, eine Fundgrube.

(C) Ruprecht Frieling

Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

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„Das alte Köln“: Gereonsmühle

Vom Ebertplatz gehe ich durch das Eigelsteintor in mein altes Veedel, wo ich Ende der Sechziger wohnte, schlendere durch Weidengasse und Plankgasse, überquere die Ritterstraße an der Stelle, wo früher die Bäckerei Trompeter war und ich beim Senior in aller Herrgottsfrühe warme Brötchen bekam. Irgendwo links war der Klingelpütz. Das alte Stadtgefängnis wurde jedoch abgerissen, Wohnhäuser stehen da jetzt. Im Park steht ein runder Turm. Warum entdecke ich den erst jetzt? Er ist doch ziemlich alt. Ich gehe herum und staune: ein beachtliches Stück der alten Stadtmauer steht da. Hier war also im Mittelalter die Stadt Köln zu Ende. Ich befinde mich dann jetzt außerhalb, sozusagen vor den Toren der Stadt, wie der Hansaring rechts von mir. Entlang der Mauer gehe ich bis zum Klümpchenshof, am Gereonswall wieder hinein im die Stadt und noch einmal zum Turm, um ihn auch von der Innenseite zu fotografieren.

Und jetzt bin ich platt. Das ist nämlich genau die Ansicht, die ich bereits kenne aus dem Kalender vom Kölner Künstler Siegfried Glos, der in seinem Projekt „Das alte Köln“ in 54 Bildern alle Türme und Tore der mittelalterlichen Stadtmauer gemalt hat, so auch diesen Turm. Es ist die Gereonsmühle, eine alte Windmühle. Auf dem Gemälde von Herrn Glos hat sie sogar noch Flügel.

Wer mehr über Kölns mittelalterliche Stadtmauer, Türme, Tore und Windmühlen erfahren möchte, findet Bilder, Material und Informationen bei Siegfried Glos. Ich war in seinem Atelier am Thürmchenwall:
„Das alte Köln“

Meine kleine Tour durch das Eigelsteinviertel

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„Günter Peter Straschek. Emigration-Film-Politik“

Ein Projekt des österreichischen Filmemachers Günter Peter Straschek (1942-2009) steht im Mittelpunkt der Ausstellung „Emigration-Film-Politik“ im Kölner Museum Ludwig. Es handelt sich um eine vom WDR produzierte TV Serie aus dem Jahre 1975 mit dem Titel „Filmemigration aus Nazideutschland“. Lebenswege Filmschaffender werden dokumentiert, die sich vor dem Naziterror in andere Länder retten mussten, vom Regisseur, Drehbuchautor, Produzenten, Komponisten und Schauspieler bis zum Cutter.

Die Präsentation verwirrt mich zunächst. In Gängen sind Skripten und Publikationen von Peter Straschek in Vitrinen ausgestellt, auf Leinwänden laufen seine frühen Kurzfilme, er liest den Brief des Komponisten Schoenberg und „Ein Western für den SDS“, die Studentenrevolte 1968 in Berlin.

Nun gut, suchend gehe ich herum, bis ich schließlich in einem warmrot gestalteten Raum in einen Sessel sinke und einige Episoden aus „Filmemigration aus Nazideutschland“ anschaue. Das ist echt interessant, wie sie von ihrer Filmarbeit in Spanien, Frankreich, Großbritannien und Hollywood erzählen, inzwischen alte Männer und Frauen, in einigen Fällen auch deren Hinterbliebene, Söhne oder Töchter. Und wie sie im Exil den Verlust von Heimat und Sprache erleben und irgendwann vor die Frage gestellt sind: Bleibe ich oder kehre ich zurück? Jede Geschichte so lebendig und spannend, ob unbekannt oder bekannt wie Lion Feuchtwanger, Brecht und Weigel, Franz Marischka, Fritz Kortner, Max Reinhardt und Fritz Lang, dessen Zeilen ich mitnehme: „Und wenn er dann nach Hause kommt, ist er daheim ein fremder Mann.“

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Ruprecht Frieling zu „Hammfiction“

Coole Geschichten mit Format

Gleitet man mit dem Auto auf der A 2 aus Richtung Hannover Richtung Dortmund an B*e*e*e*d vorüber, der Stadt, die er nicht gibt und bisweilen auch Bielefake geheißen wird und nähert sich Beckum, jenem Ort, der durch die Schildbürger berühmt wurde, dann ist man fast am Ziel: in Hamm, einer Stadt, die bisher noch keinen nennenswerten Ruf als literarische Metropole kassieren durfte.

Dass dies nicht ewig so bleibt, ist Renate Hupfeld zu verdanken, die in der westfälischen Stadt am Ostrand des Ruhrgebietes unter einem Dach mit einem Hammamunga lebt. Hammamunga? Ist das ein Geschöpf wirrer Fantasie oder sind es Geschichten, die eben nur in Hamm entstehen, wachsen und gedeihen können? Ich entscheide mich für letzteres. Dabei haben die Storys, die von der Autorin in »Hammfiction« versammelt wurden, auf den ersten Blick nur mittelbar mit der Stadt und ihren Bewohnern zu tun, sieht man einmal ab von der wundervollen Erzählung, wie sieben Tiere auf den städtischen Marktplatz kamen und dort zu Bronze wurden. Es sind vielmehr feine Beobachtungen und Schilderungen, die auch in anderen Städten mit Kirchturm, Bahnhof und Fußgängerzone aufgezeichnet worden sein könnten.

Dabei erweist sich die Autorin als aufmerksame Chronistin, die auch in der kleinen und stillen Begegnung Tiefe findet und daraus schöpft. So beobachtet sie den lästigen Schnorrer, der einen Passanten vom Bahnhof bis in ein Café verfolgt und nervt, bis dem der Kragen platzt. Oder sie schildert eine Lehrerin, die mit einem verhaltensauffälligen Schüler lautstark zusammenprallt und dabei verletzt wird.

Meine Lieblingsgeschichte in dieser Sammlung handelt von dem Besuch zweier kleiner Mädchen bei dem Vater eines Freundes, der gerade von Frau und Sohn verlassen wurde. Der Mann delektiert sich daran, zuzusehen, wie sich seine Fische gegenseitig massakrieren. Erschüttert suchen die Mädchen das Weite. Diese Geschichte hat Ray-Bradbury-Format, und schon aus diesem kühlen Grunde ist dieses kleine Elektrobuch für mich ein Treffer.

(C) Ruprecht Frieling

Mehr Hammbilder gibt’s in Renates Hammfiction Blog

Hier könnt ihr die kleine Sammlung downloaden: Hammfiction

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