Heinzelmännchenbrunnen

Der Heinzelmännchenbrunnen vor dem Brauhaus Früh wird zurzeit restauriert. Das schöne Denkmahl erinnert an die fleißigen Männchen aus dem berühmten Gedicht von August Kopisch. Sie machen für die Kölner Handwerker die Arbeit, während sie schlafen. Der Zauber geht zu Ende, als eines Nachts die neugierige Schneidersfrau im Haus Erbsen streut und die Wichtel die Treppe hinunterpurzeln.

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Domskulpturen

Beim Verlassen des Cafés im Schokoladenmuseum hab ich gestern diese feinen Gebilde mit zwei Türmen zufällig entdeckt. Der Kölner Dom in Miniaturformat, poppig gestaltet. Ich freue mich, dass die gewaltige Kölner Kathedrale nun hier am Rhein so niedliche bunte Ableger bekommen hat. Klar, sind auch der Geißbock vom FC und ein Schokoladendom dabei.

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Wandern auf dem Hohen Meißner

Eine Wanderung am Hohen Meißner beginnt auf dem Parkplatz am Aussichtspunkt Schwalbenthal. Unter und vor uns weites Land. Über die Dörfchen Germerode, Vockerode, Abterode, Alberode hinweg entdecken wir östlich des Plateaus den Leuchtberg von Eschwege an der Werra. Von der Straße aus steigen wir hoch in den Wald und gehen den urigen Pfad vorbei am Kalbesee bis hinauf.

Die Kalbe ist mit 720 Metern über dem Meer einer der höchsten Punkte hier auf dem Meißner. Von dort geht es hinunter durch den Wald bis zum Holle Teich, einem stillen Gewässer, wo tatsächlich Frau Holle im fernen Dunst aus der Erde aufsteigt aus ihrem Reich und auf dem Meißner nach dem Rechten schaut. Eine ganze Reihe von Spuren und eine Sammlung von Geschichten gibt es von dieser Erdgöttin.

Eine weitere Wanderung (Rundweg Nr. 2) beginnen wir auf dem Parkplatz in der Nähe des Senders (Sendestandort für den Hessischen Rundfunk), eher ein Spazierweg durch den Wald über die Skiwiese mit Ankerlift, hier und da mit schönem Blick durch die Bäume in das liebliche Tal.

Tracks zu den beiden Wanderungen:
Kalbe am 10. Mai 2018
Sendetürme am 11. Mai 2018

Mehr Bilder zu Schwalbenthal, Holle Teich und Kalbe gibt’s auf Renates Homepage: Herbstwanderung im Holleland

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Radtour zur Adener Höhe

Lippepark mit Haldenzeichen auf der anderen Kanalseite

Die Adener Höhe ist eine Halde, die durch Aufschüttung des Abraums der Bergwerke Aden und Monopol entstanden ist. Inzwischen ist sie prima kultiviert, mit Fördertürmen ähnlichen Skulpturen und einer großen Aussichtsplattform versehen. Vom Hammer Norden aus fahren wir zunächst durch die Kornmersch, überqueren die Radbodstraße und weiter rechts der Lippe bis zur neuen weißen Brücke, die das Gelände der Zeche Radbod mit dem Lippepark verbindet. Den sehen wir mit dem schönen orangenen Haldenzeichen auf der anderen Seite des Kanals.

„Natur und Garten“ in der Ökostation Bergkamen

Weiter geht es auf dem Mitteldamm bis Rünthe, wo wir auf der gegenüberliegenden Seite die Marina sehen. Als wir nach ein paar Kilometern die Ökostation von Bergkamen erreichen, wundern wir uns über die vielen parkenden und anfahrenden Autos. Wir haben richtig Glück, denn da ist heute eine Veranstaltung unter dem Motto „Natur und Garten“. Das heißt, an vielen Ständen wird informiert und alles angeboten, was Landwirtschaft und Garten so hergeben, Pflanzen, verschiedene Produkte wie Brot, Marmelade, Käse und Wurst.

Die Snacks eines türkischen Standes bescheren uns eine feine Picknickpause auf einer Bank neben einem Tipi aus Weidenzweigen: Cigköfte, Weinblätterröllchen und Baklava, richtig lecker. Nach dieser überraschenden Stärkung sind wir fit für den Anstieg auf die Halde, die immerhin 140 Meter über dem Meeresspiegel liegt und ein Panorama in alle Richtungen freigibt. Da gibt’s den Blick auf das alte Zechengelände, den Kanal und die Marina Rünthe und sogar bis Hamm mit Gersteinwerk in Stockum, Pauluskirche in der City und dem Hammerturm des ehemaligen Bergwerks Heinrich Robert in Herringen.

Video: Panorama auf der Adener Höhe

Track der Radtour von Hamm Norden zur Adener Höhe

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Vom Reichensperger Platz zur Hohenzollernbrücke

Heute steige ich am Reichensperger Platz aus der Linie 18 aus. Ich will mir mal den Platz und die Gegend zum Rhein hin anschauen. Zunächst bin ich richtig erstaunt, fast erschrocken, weil ich nicht einfach, wie von anderen Kölner U-Bahn-Stationen gewohnt, aus dem Wagen rausgehen kann. Nein, erst zwei Stufen tiefer stehe ich auf dem Bahnsteig. Auf jeden Fall ungewohnt. Warum der Platz so heißt? Der Jurist August Reichensperger hat ihm den Namen gegeben und das passt zum Bild, das mich beim Verlassen der U-Bahn Station erwartet: Ein imposantes historisches Gebäude jenseits der Riehler Straße, das Kölner Oberlandesgericht.

Ich befinde mich im Stadtteil Neustadt-Nord und entscheide mich für den Weg zum Rhein durch die Wörthstraße, auf der ich ja auch schon stehe. Kann ja nicht weit sein. Die Straße ist breit und wirkt doch sehr ruhig, das heißt wenig Autoverkehr. Angenehm zu gehen unter frisch belaubten Bäumen, rechts und links Büro- und Wohnhäuser. Hier wird also gewohnt und gearbeitet. Und dann noch diese Nähe zum Rhein, schon in Sichtweite. Das hat was. In der Glasfront der Bank für Sozialwirtschaft mache ich mal ein Selfie zur Erinnerung und überquere das stark befahrene Konrad-Adenauer-Ufer.

Auf der Rheinpromenade südlich der Zoobrücke angekommen, bin ich dann doch enttäuscht. Die unangenehme Seite des Kölntourismus erlebe ich hier, eine unübersehbare Reihe von Ausflugsschiffen. Schon genug, dass mir die Sicht auf den Fluss versperrt ist, setzt der Dieselgestank noch das I-Tüpfelchen auf pervertierten Ausflugskommerz. Auf einem Schiff (200 m lang) werden die Damen mit roter Rose empfangen, bevor die Pärchen zu ihren Kabinen geführt werden. Nix für mich. Und die Bastei vor mir hat auch schon bessere Zeiten gesehen.

Zwischen eng parkenden Bussen quetsche ich mich zu einer steilen Treppe hinauf auf das Konrad-Adenauer-Ufer. Da ist nämlich das Kuniberttürmchen fein eingeschmiegt zwischen alten und neuen Häusern. Hier ging mal die mittelalterlichen Stadtmauer lang, machte vom Rhein aus einen Knick, führte zum Eigelsteintor und weiter insgesamt 9 Kilometer lang linksrheinisch um die Stadt Köln herum. Wie schön, dass außer wenigen Resten auch dieses Türmchen erhalten blieb.

Südlich der Bastei wird’s dann gemütlicher auf der Rheinpromenade. Hier dominieren Fußgänger und Radfahrer die Szenerie. Manche sitzen auch auf Bänken und schauen auf den Rhein und die weißen Pavillons des gegenüberliegenden Rheinparkgeländes. Und an der Hohenzollernbrücke bin ich dann in dem Köln, das ich so liebe: RE, ICE, Nationalexpress schlängeln sich über die Gleise zu den Bahnsteigen, auf denen schon Massen von Menschen auf ihre Anschlüsse warten. An der blauen Kuppel des Musical Domes fordern zwei Vampire zum Tanz auf und in der Ferne grüßt die Zoobrücke.

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Max Mutzke & monoPunk in Hamm

Einer der Top Acts beim 8. Internationalen Jazzfest in Hamm war Max Mutzke & monoPunk. Aus dem Schwarzwald angereist. Hamm? Nie gehört! Erst mal herantasten, muss sich der Max gesagt haben. Cooles Outfit in Schwarz, weißer Kragen und Manschetten, Weste fein zugeknöpft, die ersten Songs mit gebremster Rassel vorgetragen. Doch bei „Can’t wait until tonight“ ging die Post ab. Das Publikum sprang von den Sitzen, sang mit, pfiff und tobte. Und Max spielte die Klaviatur mit Stimme, Körper, Mikrofon, ihr könnt aufstehn, euch setzen oder auch stehen bleiben. Perfekt, jeder Song, jeder Ton, jede Ansprache. Da war ein musikalischer Diamant mit exzellenten Musikern auf der Bühne im Kurhaus, bizarr, gefühlvoll, kreischend, magisch.

Und hier gibt’s Max, monoPunk und Hammer Publikum im Video:
Can’t wait until tonight

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Haldenzeichen auf der Kissinger Höhe

Die Kissinger Höhe ist eine Halde im Hammer Stadtteil Herringen, entstanden durch Aufschüttung von Steinen, die im benachbarten Bergwerk Ost zusammen mit Steinkohle aus hunderten Metern Tiefe zu Tage gefördert wurden. Dabei kam eine beträchtliche Höhe von mehr als 110 m über dem Meeresspiegel zusammen, inzwischen aufgeforstet und mit Wanderwegen Naherholungssuchenden zugänglich gemacht.
Dieses und alle Bergwerke der Umgebung sind inzwischen stillgelegt, haben aber ihre Spuren hinterlassen, zum Beispiel in Form von Halden. Und als besonderes Zeichen der Erinnerung entstand die Idee der begehbaren Haldenzeichen. Nach dem am Schacht Franz im Lippepark ist dieses nun das zweite von fünf. Die Denkmale auf den Halden Radbod, Humpert und Sundern sind wohl in der Planung.

Haldenzeichen im Lippepark

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Zeche Zollern in Dortmund

Im äußersten Westen von Dortmund liegt im Stadtteil Bövinghausen das Industriemuseum Zeche Zollern. Von dem 1898 gegründeten und 1966 geschlossenen Bergwerk ist ein Gebäudeensemble mit wunderschönen Backsteinfassaden und zwei Fördertürmen erhalten. Den südlichen kann man sogar hochklettern und bekommt einen Blick über die gesamte Anlage, in das Umland und sogar bis zur Dortmunder Innenstadt.

Hier befinde ich mich in unmittelbarer Nähe zu den dicken Stahlseilen auf großen Rollen und den Einstiegen zur Seilfahrt in fast 500 m Tiefe. Hier wurde auch die von den Bergleuten gewonnene Steinkohle in kleinen Wagen, genannt Loren, an die Oberfläche befördert. Die Seile sind verbunden mit der Maschinenhalle direkt gegenüber. Von den großen Maschinen in dieser Halle wurden sie angetrieben, für das Industriemuseum liebevoll restauriert.

Das feine Jugendstilportal kann ich schon von hier oben anschauen bevor ich hineingehe. Nicht nur das Portal mit bunten Glasfeldern, sondern die gesamte Halle ist ein wahres Schmuckstück, Herz der Bergwerksanlage. Obwohl ich von riesengroßen technischen Geräten umgeben bin, empfinde ich den Raum als hell und einladend. Die schönen großen Fenster, die Marmorwand mit den Geräten und die feine Uhr darüber bringen mich zum Staunen.

Auch die umliegenden Gebäude haben es in sich. Da ist die alte Waschkaue, an deren Decke all die Körbe hängen. Hier hinein legten die Bergleute zu Beginn der Schicht ihre Kleidung, wechselten in die Arbeitskleidung und zogen den Korb unter die Decke. Nach getaner Schwerarbeit dann umgekehrt, Arbeitskleidung an die Decke und nach Dusche gegen den Kohlenstaub mit Alltagskleidung in den Feierabend, vielleicht mit der Vespa zum Kino.

In der Lohnhalle gibt es Wechselausstellungen, zurzeit „RevierGestalten. Von Orten und Menschen“. Strukturwandel ist das Stichwort. Neue Perspektiven für die Menschen im Revier. Interessant dazu der Film „Das Gegenteil von Grau“, zwei Beispiele zum Umgang mit freigewordenen Flächen und Räumen, einem Garten- sowie einem Gastronomieprojekt.

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Gerd Bucerius. Wem gehört die Pressefreiheit?

Am 19. Mai 1906 wurde Gerd Bucerius in Hamm in Westfalen geboren. Die ersten zwei Jahre seines Lebens verbrachte er zusammen mit seinen Eltern Maria und dem Rechtsanwalt Walter Bucerius in dieser Stadt an der Lippe. Eine Informationstafel an seinem Geburtshaus in der Weststraße 8 erinnert an den bekannten Publizisten und Verleger des Hamburger Magazins DIE ZEIT.

Fiktionaler Text, den ich anlässlich einer Veranstaltung zum 100. Geburtstag im Jahre 2006 geschrieben habe:

Wem gehört die Pressefreiheit?

Das ist ja unglaublich, schnaubte er, schob die Postmappe weg,
sprang vom Schreibtisch auf und rannte im Zimmer hin und her.
Die ZEIT nicht interessiert an Anzeigen?
Lebensversicherungsplan in der ZEIT sehr schlecht besprochen?
Welcher Redakteur hatte diesen Artikel geschrieben?
Er lief zum Schreibtisch zurück,
griff den Telefonhörer und drehte die Wählscheibe.
Doch bevor sich in der Redaktion jemand melden konnte, knallte er den Hörer zurück auf die Gabel und nahm das Schreiben aus der Mappe.
Während er umherging, las er noch einmal den Text:

„Sehr geehrter Herr Doktor Bucerius,

Herr Generaldirektor Werner übergab uns Ihren Brief vom 14. Mai des Jahres, mit dem Sie darum bitten, daß unser Haus seine Finanzanzeigen auch in der ZEIT veröffentlicht.
Nun hat die ZEIT in ihrer vorletzten Ausgabe unseren neuen Lebensversicherungsplan 34c sehr schlecht besprochen.
Ich nehme an, dass Sie unter diesen Umständen auch an Anzeigen unseres Hauses nicht interessiert sind.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Albert – Generalsekretariat“

Gerd Bucerius holte tief Luft.
Das ging entschieden zu weit.
Eine Frechheit war das.
Er setzte sich zurück an seinen Schreibtisch und dachte nach.
Nein, mit der Redaktion wollte er jetzt nicht reden.
Völlig unwichtig, wer diesen Artikel geschrieben hatte.
Was hatten journalistische Inhalte mit Anzeigen zu tun?
Hier musste er als Verleger reagieren.
Diese Unverfrorenheit gehörte an die Öffentlichkeit.
Er selbst würde einen Artikel für die nächste Ausgabe der ZEIT darüber schreiben. Dann könnte jeder mit eigenen Augen lesen, wie korrupt hier ein Unternehmen versuchte, Einfluss auf die Presse zu nehmen.
Er schraubte den Füllhalter auf und notierte seine Gedanken:

Wie wird ein Presseorgan finanziert?
Was sind die Aufgaben eines Verlegers?
Welche Freiheiten haben Redakteure und wo sind ihre Grenzen?
Können Verleger ihren Redakteuren vorschreiben, was sie schreiben?
Können Anzeigenkunden Verlegern vorschreiben, was ihre Redakteure zu schreiben oder nicht zu schreiben haben?
Wem gehört eigentlich die Pressefreiheit?

Er legte den Füllhalter zur Seite.
Ein Unternehmen öffentlich bloßstellen?
Nein, ein Artikel war nicht der richtige Weg.
Nichts als Ärger würde das bringen. Wäre im Übrigen auch nicht klug, in der jetzigen Finanzsituation. Ein Bumerang wäre das. Die ZEIT benötigte dringend jede Mark. Denn da bliebe immer noch die drückende Frage: Wie kommt die ZEIT aus ihrem finanziellen Loch heraus?

Einen Termin machen mit dem Generaldirektor und dem Chef der Werbeabteilung. Ein Gespräch führen. In Ruhe die Gegenseite anhören und sachlich seinen Standpunkt darstellen.
Keine Verquickung der Kompetenzen von Verlag und Redaktion.
Klare Trennung, doch…
Eigentlich selbstverständlich in demokratischen Strukturen.
Wegen einer Selbstverständlichkeit sollte er zu Kreuze kriechen?
Auf gar keinen Fall würde er das tun.
Bei den Unternehmungen würde sich das herumsprechen und man würde immer wieder versuchen, ihn und seine Mitarbeiter unter Druck zu setzen. Ja, er hatte um Finanzanzeigen in der ZEIT gebeten.
Ja, die ZEIT brauchte Geld und musste Anzeigen verkaufen,
aber nicht um jeden Preis.

Einige Tage später hatte er die Antwort formuliert und bat seine Sekretärin zum Diktat:

„Sehr geehrter Herr Albert,
freundlichen Dank für Ihren Brief vom 20. Mai. In Ihrem Hause ist es nicht ganz klar, dass Redaktion und Anzeigenabteilung einer Zeitung scharf getrennt sind. Damit sich solche Mißverständnisse nicht wieder ereignen, habe ich die Anzeigenabteilung der ZEIT angewiesen, Anzeigen Ihres Hauses nicht mehr entgegenzunehmen.“

(Die kursiv gesetzten Textstellen sind zitiert aus: Gerd Bucerius: Der angeklagte Verleger, München 1974, S. 14-15)

©Renate Hupfeld 11/2006

Mehr Bilder zur Geburtsstadt von Gerd Bucerius gibt’s hier:
Hammfiction

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Hartmut Lange: „Im Museum“

Einmal Geschehenes kann man nicht zurückholen, auch nicht, indem man Exponate aus vergangenen Zeiten im Museum präsentiert. Da ist das Kleidungsstück fein ausgestellt, doch der Mensch, der vor Jahrhunderten darin steckte, bleibt für immer verschwunden. Ist es denn verrückt, wenn in Erzählungen Gestalten aus vergangenen Epochen in einem Museum lebendig werden? ‚Die Literatur hat ihren eigenen Wahrheitsgrund‘, meint Hartmut Lange und lässt in den sieben Kapiteln seines Bändchens ‚Im Museum. Unheimliche Begebenheiten‘ Protagonisten aus den Tiefen der Geschichte, Museumspersonal und Besucher einander begegnen. Es ist wahrhaft mysteriös, was sich in Hallen, Gängen, Korridoren, auf Treppen und Emporen des Deutschen Historischen Museums in Berlin abspielt.

Wer hätte als Besucher einer Ausstellung nicht schon einmal darüber nachgedacht, was in jemandem vorgeht, dessen Aufgabe darin besteht, Exponate zu bewachen? Zum Beispiel die Frau, die Tag für Tag unauffällig ihre Arbeit neben der Statue Carls des Großen macht. In Langes Geschichte bekommt sie einen Namen und sitzt nach Feierabend auf ihrem Sofa. Wir sind dabei, wie die höchst zuverlässige Frau Bachmann auf der Suche nach der Ursache eines Luftzuges die abendliche Schließung des Gebäudes verpasst, die Nacht im Museum verbringt und spurlos verschwindet. Und da ist Aufseherkollege Klinger, zu DDR Zeiten Leutnant der Staatsicherheit. Als Aufpasser sieht er sich nun mit einem ‚Schuppen voller Plunder‘ konfrontiert. Ihn zieht es in einen Geheimgang im Keller des Hauses, in den er einen arglosen Besucher locken und einen fiesen Plan verwirklichen will.

In nächtlicher Stille wäre das ‚Gluckern in den Heizkörpern‘ und das ‚Knacken unter dem Fußboden‘ ganz normal, wäre da nicht der Schatten eines Mannes mit Militärkappe, der zu Lebzeiten in seinem Rassenwahn Deutschland und Europa terrorisierte. Nacht für Nacht geistert er ruhelos durch die Ausstellungsräume. Die Darstellung eines anderen Despoten lässt ihm keine Ruhe. Da wird das Bildnis Napoleon Bonapartes kostbar mit Brokat und Lorbeerkranz präsentiert, er hingegen ‚wie ein Paria‘ in den Keller verbannt.

Wenn ein Herr Polenz nach Feierabend in die von der Frau verlassene Wohnung kommt, einen Zettel vorfindet, und danach ohne besondere Absicht das Deutsche Historische Museum betritt, ahne ich schon Verwicklungen. Wie ist es möglich, dass weder die Drehtür zum Festungsgraben noch die zum Boulevard Unter den Linden ihn wieder herauslässt und er sein zu Hause im Flur abgestelltes Fagott und die Querflöte im notbeleuchteten Museumsfoyer entdeckt? Und es hat auch etwas Skurriles, wenn eine Frau aus dem 19. Jahrhundert ihrer kleinen Tochter erklärt, warum sie vor der ratternden Rolltreppe keine Angst haben muss und wenn ein junger Volontär mitten in der Nacht heimlich zuschaut, wie jene Mutter und ihr Kind auf den Fliesen im menschenleeren Schlüterhof sitzen und durch das Glasdach den Himmel anschauen.

Wie es sein kann, dass ein Foto von Rodins ‚Denker‘ immer wieder Risse und Kratzer bekommt, fragt sich ein Mitglied des Fördervereins in der letzten Story im Buch. Von einem gewaltsam zu Tode gekommenen Mann wird er darüber aufgeklärt, was sein Schicksal mit Denken zu tun hat. Die Parole ‚liberté, égalité, fraternité‘ hat ihm den Tod gebracht. ‚Und war es nicht tatsächlich so, dass sich das Töten durch die Perversion des Denkens bis in alle Ewigkeit fortsetzte?‘, resümiert der Erzähler.

In den sieben Erzählungen ‚Im Museum‘, die alle im Gebäude des Deutschen Historischen Museum in Berlin spielen, lässt der für seine herausragenden Novellen bekannte Autor Hartmut Lange Protagonisten aus der Gegenwart und aus verschiedenen Epochen einander begegnen und im Dialog miteinander auftreten. Am liebsten nachts bei Notbeleuchtung schickt er sie in den dunklen Korridor, vor die verschlossene Tür, die frisch verputzte Wand, ins Museumscafé, in den Schlüterhof und den ‚Gigantenhäuptern mit qualvoll aufgerissenen Mündern‘ und lässt sie an der verflixten Drehtür verzweifeln. Dabei spielt er souverän mit verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven, schlüpft mal in die Rolle des allwissenden Erzählers mal in die des einen oder anderen Protagonisten. Angenehm, mit welcher Selbstverständlichkeit ihm das fern jeder besserwisserischen Psychoschau gelingt. Beim wiederholten Lesen versuche ich mir zu erklären, mit welcher sprachlichen Raffinesse Hartmut Lange es schafft, diesen Sog zu erzeugen, der mich unwillkürlich am Text hält. Da ist der Widerspruch zwischen schnörkellosen, ja banal anmutenden Formulierungen und der gespannten Erwartung, welche Überraschung der Autor denn nun wieder für mich bereit hält. Und wie könnte ich nicht Abgründe wittern, wenn ein Kapitel so beginnt: ‚Ich gebe zu, ich mache mir unnötige Gedanken, und ich hatte unlängst die Gelegenheit, vor einem dunklen Korridor zu sitzen.‘ (C) Renate Hupfeld

Hartmut Lange: „Im Museum. Unheimliche Begebenheiten“ im Diogenes Verlag

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