„Keiner weiß mehr“

BrinkmannUmschlagDer erste Roman Rolf Dieter Brinkmanns (…) durchstößt mit einer in Deutschland bisher unbekannten Radikalität die Stilisierungen und Ästhetisierungen des Romans, er macht Literatur wieder zu dem, was man ihr seit langem nicht mehr zutraut: zur unmittelbaren Mitteilung einer Erfahrung.“, heißt es im ersten Satz im Innenteil des so genannten Schutzumschlages der dritten Auflage, 8.-10. Tausend 1968, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.

Mich begleitet dieses Buch seit meiner Kölner Zeit Ende der Sechziger, als ich Rolf Dieter Brinkmann persönlich erleben konnte. Da war einerseits der rebellische Teilnehmer im Deutschseminar der Pädagogischen Hochschule in Köln-Lindenthal, andererseits der Schriftsteller, der sich in den Räumen von Kiepenheuer & Witsch zusammen mit Verlagsvertretern uns Kommilitonen als deren Autor präsentierte. Dabei will ich durchaus den Widerspruch erwähnen, den ich erlebte zwischen dem streitbaren „Kotzbrocken“ im Seminar, der als notorischer Zuspätkommer sofort den Austausch zum jeweiligen Thema rücksichtslos, wenngleich mit bewundernswerten Fachkompetenz, dominierte und dem verbindlich freundlich agierenden Autor seines Verlages.

BrinkmannKalenderNun begleitet mich eine Woche lang sein Bild im „Arche Literatur Kalender 2015“, wo zum Gedenken an seinen Unfalltod vor vierzig Jahren, am 23. April 1975, in London ein Kalenderblatt an Rolf Dieter Brinkmann erinnert. Zu dem Anlass hab ich mir „Keiner weiß mehr“ noch einmal vorgenommmen, nachdem ich es in all den Jahren nicht fertig gebracht hatte, das Werk zu Ende zu lesen. Zu drastisch fand ich die schonungslose Darstellung der Sexualität des männlichen Protagonisten, genannt „er“. Dachte ich doch bei Lesen immer an sie, genannt „seine Frau“, die sein schräges Frauenbild zu ertragen hat, für „das Kind“, das beide nicht gewollt, jedoch auch nicht verhindert haben, allein verantwortlich ist und mit Schreibarbeiten durchaus Geld in die Kasse der Kleinfamilie bringen darf.

Inzwischen gelingt es mir, Brinkmanns Roman distanziert von Vorbehalten zu lesen und da erlebe ich hinter den sexuellen Praktiken und Phantasien, der Vision einer Abtreibung mit der gebogenen Stricknadel und dem herbeigedachten Unfalltod der Partnerin einen einsam Suchenden, suchend nach einem Ausweg aus dem Leben in erdrückender Enge mit Frau und Kind in einer kleinen Wohnung, das er erlebt als

… ein einziges widersprüchliches Geflecht aus vielen Knoten, Antworten, Gegenantworten, Rechtfertigungen und Vorstellungen, Erlebnissen, Wunschbildern und Absichten, die versteckt gehalten wurden.“ (S. 128)

Wie bezeichnend, dass er sich selbst auf seiner kleinen Reise nach Hannover nicht frei fühlt, sondern noch stärker mit seinen Problemen konfrontiert und wie er im Zug zwei Männer belauscht, die sich über Alltägliches miteinander unterhalten. Als sie einen Bahnhof verlassen, schaut er ihnen nach. Warum sind diese zwei Männer mit sich und der Welt zufrieden und er nicht?

Und wie berührend, wenn er spät Abends nach Hause kommt und entdeckt, dass sie geweint hat:

„Fühlen mußte er das wahrscheinlich nun, dieses lautlose Sichausdehnen von einem unsichtbaren Raum in ihr, das weiche Flackern einer Empfindung, zartblaß und rosafarben, weich wie die weichen, sich gleichmäßig ausdehnenden unsichtbaren Wände von etwas außerordentlich Kompliziertem …“ S. 299)

Mit detailreichen Einblicken in die tiefsten Zipfel von Erleben und Gefühlen, bildreichen Szenebeschreibungen an den Schauplätzen Köln, London und Hannover sowie zeittypischen Leitmotiven wie gelbe Lackstiefel, Miniröcke, breite Gürtel und Musik der Stones ist dieser Roman, konsequent aus der Perspektive des Protagonisten als stream of consciousness (innerer Monolog) geschrieben, eine literarische Kostbarkeit.

R.I.P. Rolf Dieter Brinkmann * 16. April 1940 + 23. April 1975

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2 Kommentare zu „Keiner weiß mehr“

  1. Liebe Renate,
    danke für deinen Artikel, in dem du Rolf Dieter Brinkmann wieder in unsere Köpfe bringst!
    Deine kurzen Einblicke in den Roman machen mich nachdenklich!
    Und ich stelle mir die Frage, wie viele Menschen seit den 60-er Jahren geschafft haben sich aus beengenden bedrückenden Lebenssituationen zu befreien.
    Und sicherlich ist der Roman auch eine Art Revue über die kleinbürgerliche Atmosphäre des Deutschlands der 60-er und 70-er Jahre und stellt als solches auf verschiedenen Niveaus die Widersprüche der damaligen Gesellschaft dar!
    Ich habe etwas später, in den 70-ern, Köln als sehr offene Stadt erlebt, die mir sehr imponiert hat.
    Vielen Dank!
    Chris Pape

    • renate sagt:

      Liebe Chris,

      Brinkmanns Roman spielt überwiegend in Köln, wohl, weil er dort lebte. Die düstere Darstellung der Lebensumstände des Protagonisten sehe ich nicht nur auf Köln bezogen. Den seinerzeit sperrigen Kommilitonen hab ich nicht verstanden. Aus jetziger Sicht würde ich offen sein, aufhorchen und hinterfragen. Er war seiner Zeit weit voraus.

      Köln war und ist die beste Stadt: Ein Gefühl 🙂

      Lieben Dank für deine Rückmeldung!
      Renate

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