Gerd Bucerius. Wem gehört die Pressefreiheit?

Am 19. Mai 1906 wurde Gerd Bucerius in Hamm in Westfalen geboren. Die ersten zwei Jahre seines Lebens verbrachte er zusammen mit seinen Eltern Maria und dem Rechtsanwalt Walter Bucerius in dieser Stadt an der Lippe. Eine Informationstafel an seinem Geburtshaus in der Weststraße 8 erinnert an den bekannten Publizisten und Verleger des Hamburger Magazins DIE ZEIT.

Fiktionaler Text, den ich anlässlich einer Veranstaltung zum 100. Geburtstag im Jahre 2006 geschrieben habe:

Wem gehört die Pressefreiheit?

Das ist ja unglaublich, schnaubte er, schob die Postmappe weg,
sprang vom Schreibtisch auf und rannte im Zimmer hin und her.
Die ZEIT nicht interessiert an Anzeigen?
Lebensversicherungsplan in der ZEIT sehr schlecht besprochen?
Welcher Redakteur hatte diesen Artikel geschrieben?
Er lief zum Schreibtisch zurück,
griff den Telefonhörer und drehte die Wählscheibe.
Doch bevor sich in der Redaktion jemand melden konnte, knallte er den Hörer zurück auf die Gabel und nahm das Schreiben aus der Mappe.
Während er umherging, las er noch einmal den Text:

„Sehr geehrter Herr Doktor Bucerius,

Herr Generaldirektor Werner übergab uns Ihren Brief vom 14. Mai des Jahres, mit dem Sie darum bitten, daß unser Haus seine Finanzanzeigen auch in der ZEIT veröffentlicht.
Nun hat die ZEIT in ihrer vorletzten Ausgabe unseren neuen Lebensversicherungsplan 34c sehr schlecht besprochen.
Ich nehme an, dass Sie unter diesen Umständen auch an Anzeigen unseres Hauses nicht interessiert sind.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Albert – Generalsekretariat“

Gerd Bucerius holte tief Luft.
Das ging entschieden zu weit.
Eine Frechheit war das.
Er setzte sich zurück an seinen Schreibtisch und dachte nach.
Nein, mit der Redaktion wollte er jetzt nicht reden.
Völlig unwichtig, wer diesen Artikel geschrieben hatte.
Was hatten journalistische Inhalte mit Anzeigen zu tun?
Hier musste er als Verleger reagieren.
Diese Unverfrorenheit gehörte an die Öffentlichkeit.
Er selbst würde einen Artikel für die nächste Ausgabe der ZEIT darüber schreiben. Dann könnte jeder mit eigenen Augen lesen, wie korrupt hier ein Unternehmen versuchte, Einfluss auf die Presse zu nehmen.
Er schraubte den Füllhalter auf und notierte seine Gedanken:

Wie wird ein Presseorgan finanziert?
Was sind die Aufgaben eines Verlegers?
Welche Freiheiten haben Redakteure und wo sind ihre Grenzen?
Können Verleger ihren Redakteuren vorschreiben, was sie schreiben?
Können Anzeigenkunden Verlegern vorschreiben, was ihre Redakteure zu schreiben oder nicht zu schreiben haben?
Wem gehört eigentlich die Pressefreiheit?

Er legte den Füllhalter zur Seite.
Ein Unternehmen öffentlich bloßstellen?
Nein, ein Artikel war nicht der richtige Weg.
Nichts als Ärger würde das bringen. Wäre im Übrigen auch nicht klug, in der jetzigen Finanzsituation. Ein Bumerang wäre das. Die ZEIT benötigte dringend jede Mark. Denn da bliebe immer noch die drückende Frage: Wie kommt die ZEIT aus ihrem finanziellen Loch heraus?

Einen Termin machen mit dem Generaldirektor und dem Chef der Werbeabteilung. Ein Gespräch führen. In Ruhe die Gegenseite anhören und sachlich seinen Standpunkt darstellen.
Keine Verquickung der Kompetenzen von Verlag und Redaktion.
Klare Trennung, doch…
Eigentlich selbstverständlich in demokratischen Strukturen.
Wegen einer Selbstverständlichkeit sollte er zu Kreuze kriechen?
Auf gar keinen Fall würde er das tun.
Bei den Unternehmungen würde sich das herumsprechen und man würde immer wieder versuchen, ihn und seine Mitarbeiter unter Druck zu setzen. Ja, er hatte um Finanzanzeigen in der ZEIT gebeten.
Ja, die ZEIT brauchte Geld und musste Anzeigen verkaufen,
aber nicht um jeden Preis.

Einige Tage später hatte er die Antwort formuliert und bat seine Sekretärin zum Diktat:

„Sehr geehrter Herr Albert,
freundlichen Dank für Ihren Brief vom 20. Mai. In Ihrem Hause ist es nicht ganz klar, dass Redaktion und Anzeigenabteilung einer Zeitung scharf getrennt sind. Damit sich solche Mißverständnisse nicht wieder ereignen, habe ich die Anzeigenabteilung der ZEIT angewiesen, Anzeigen Ihres Hauses nicht mehr entgegenzunehmen.“

(Die kursiv gesetzten Textstellen sind zitiert aus: Gerd Bucerius: Der angeklagte Verleger, München 1974, S. 14-15)

©Renate Hupfeld 11/2006

Mehr Bilder zur Geburtsstadt von Gerd Bucerius gibt’s hier:
Hammfiction

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