„Gefallen für Großdeutschland“

1917-ElisabethRudiArthurAm 15. November 1914 wurde Rudi in Harpersdorf im Kreis Gera in Thüringen geboren. Seine Eltern Elisabeth und Arthur hatten ein Uhrengeschäft mit Uhrmacherwerkstatt im nahegelegenen Bad Blankenburg. Auf dem Foto sehen wir Rudi im Alter von drei Jahren zusammen mit seinen Eltern 1927-UhrmacherladenBlankenburgund im Bild darunter den Uhrenladen von Arthur Günther im Haus Obere Marktstraße 6, in dem die Familie auch wohnte:

1928-GrabElisabethRudiAnneliese1931-RudiHundRudi war 14 Jahre alt, als sein Vater Arthur im Jahre 1927 starb. Elisabeth blieb mit Rudi und seiner jüngeren Schwester Anneliese zurück. Den Uhrenladen mit Werkstatt führte sie weiter, zusammen mit ihrem Gesellen Ludwig Flohr, den sie im Jahre 1931 heiratete. Wie sein Vater und Stiefvater wollte Rudi Uhrmacher werden und begann nach dem Schulabschluss eine Ausbildung bei Uhrmachermeister Sakulowski in Saalfeld, wo er im April 1933 die Gesellenprüfung absolvierte. Wenig später verließ die Familie Bad Blankenburg. Elisabeth und Ludwig eröffneten einen Uhrenladen mit Werkstatt in Gifhorn am Rand der Südheide. Sie wohnten und arbeiteten in einem schönen Haus an der Hauptstraße, direkt an der Aller. Mit dem Gesellenbrief in der Tasche fand Rudi Arbeit bei Uhrmachermeister Hotop in Bad Fallersleben. Doch er wollte in seinem Handwerk noch mehr lernen und es zog ihn in südliche Richtung, wo er von Oktober 1937 bis Oktober 1938 bei Uhrenhaus Albert Widmann am Schlossberg in Pforzheim arbeitete.

1934-GifhornLadenAllerSuedheide

1934-02-05-ZeugnisSakulowskiSaalfeld

1933-04-02-GesellenbriefGera-Reuss

1935-10-26-ZeugnisHotopFallersleben

1938-10-15-ZeugnisWidmannPforzheim

Die nächste Stelle führte ihn in das Uhrengeschäft Kneer auf der Oststraße 28 in Hamm in Westfalen. Beim Tanztee im Café Gries lernte er seine Else kennen. Rudi und Else heirateten und bekamen die kleine Renate. Doch inzwischen war Krieg in Deutschland und Rudi, der nie Soldat werden wollte, erlebte Familienleben nur in den kurzen Urlauben vom Soldatenleben. 1943-ElseRenateRudiImmer wieder musste er seine Liebsten zurücklassen und zur Truppe nach Maastricht und später nach Goch am Niederrhein zurückkehren. Nichts wünschte er sehnlicher, als ein Ende des Krieges, ein friedliches Leben zusammen mit Frau und Kind und anstatt mit Gewehr mit dem Uhrmacherwerkzeug zu hantieren. Doch der Krieg schien kein Ende zu nehmen, wurde immer brutaler und im Spätsommer 1943 bestimmte das Schicksal Rudi an den Süden der Ostfront in der Ukraine. Ein vorbereitetes Treffen mit Else und Baby Renate in Goch fand nicht mehr statt, weil er sich bei ihrer Ankunft bereits in einem Waggon auf dem Soldatentransport an die Ostfront befand. Wo immer es ging, schrieb er seinen Liebsten von unterwegs während des Transportes Briefe. Seinen letzten bekam Else, als er gerade seine Kompanie erreicht hatte, datiert vom 9. September 1943:

1943-09-09-Transport01

1943-09-09-Transport02

„den 9. September 1943
Mein liebes kleines Frauchen + Klein Renate!
Ich hoffe, daß es Euch Beiden noch recht gut geht. Seit gestern Abend bin ich nun bei meiner Komp. angelangt. Im Augenblick liegen wir gerade in Ruhe, aber in den nächsten Tagen geht es wieder nach vorn. Der Abschnitt in dem wir liegen ist im Moment sehr ruhig nachdem sich der Russe in den letzten Wochen ziemlich blutige Köpfe geholt hat. Ein Wetterchen ist das hier, einfach fabelhaft, nur des Nachts ist es ziemlich frisch. Abends um 19:00 Uhr ist es dunkel, dafür ist es morgens gegen 4 Uhr schon wieder hell. Das Essen ist fabelhaft […] da gibt es keine Fleischmarken, da geht der Küchenbulle los, schnappt sich 50 Hühner oder eine Kuh oder sonstiges Viehzeug, haut den Tieren einen vor die Melone und im nächsten Augenblick hat die Feldküche […] im Pott. Ich freue mich, daß ich nun bald Nachricht von dir haben kann, d.h. in einigen Wochen. Leider hat die Komp. im Augenblick keine Luftpostmarken, sonst hättest Du Luftpost bekommen.
Wie geht es Euch denn sonst? Was macht unser Puppchen? Sicher kann sie bald laufen. […]
Ich will nun schließen und hoffe bald auf Nachricht von Euch.

Mit den herzlichsten Grüßen und Küssen
verbl. ich Euer Euch liebender Papa

Grüße bitte die Eltern, Trautchen, Jupp + Anni
Wie geht es Heini?

Nach diesem Brief von einem unbestimmten Ort in der Ukraine war wochenlang Funkstille. Rudi, ein fleißiger Briefschreiber, meldete sich nicht mehr. Wo war er angekommen? Wo war er? Was war passiert? Verschollen in einem riesigen unbekannten Land. Drei Monate hörte Else nichts von Rudi. Und dann kam die schockierendste Nachricht, die man sich nur vorstellen kann. Es hieß, Rudi sei bei Ordyn in der Nähe von Merefa durch einen Kopfschuss getötet worden und sei sofort tot gewesen. Seine Kameraden hätten ihm ein schlichtes Soldatengrab bereitet. Unfassbar. Wieder eine Weile später schickte man der Witwe Rudis Wehrpass, gestempelt mit der zynischen Bemerkung „Gefallen für Großdeutschland am: 11. September 1843“.

1943-12-23-TodesnachrichtBrehmAusschnitt

1943-09-11-WehrpassGefallen

Am 15. November 2014 wäre Rudi 100 Jahre alt geworden. Wo immer er auch begraben liegt: R.I.P.

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