Argentinien und der Tango

Nach der Wahl von Papst Franziskus sind plötzlich meine Eindrücke vom argentinischen Pavillon auf der Frankfurter Buchmesse wieder lebendig. Jenseits von Präsentationen, Diskussionen und Aktionen zog es mich immer wieder in diese Installation und ich versuche zu erklären, warum das so war:

Argentinien und der Tango

„… Sie könnte jetzt anfangen zu tanzen, der Mann nicht. Sein Gesicht, seine Haltung verraten, dass er traurig ist, so traurig wie der Tango, der darüber trauert, dass man sich ständig verfehlt und dass es so traurige Gestalten wie den Mann mit dem Bandoneon gibt, der sich seiner so sicher ist, weil er glaubt, dass er Bescheid weiß, dabei weiß er überhaupt nicht Bescheid …“

Dieses Zitat aus der Kürzestgeschichte des argentinischen Autors Martín Kohan, gefunden auf dem Cover der diesjährigen Buchmessenausgabe der ZEIT LITERATUR, vermittelt mir auf seltsame Weise das gleiche Gefühl, wie ich es bei der Begehung der Installation des diesjährigen Gastlandes der Frankfurter Buchmesse erlebe. Es zieht mich immer wieder hinein in die Gänge zwischen halbtransparenten Stoffbahnen, Bildern, Säulen, Mauern, Wortbändern und Tönen. Verhalten gehe ich von Botschaft zu Botschaft, verweile leicht schaukelnd auf einem fein gearbeiteten Holzsitz und lasse die Eindrücke auf mich wirken, Arrangements aus rotbraunen Felsen und Wasserfällen, bizarre Landschaften aus Eis, pulsierende Metropolen, Menschen in ihren Lebenszusammenhängen, Fußballlegende Diego Maradonna und das groß abgedruckte Konterfei von Che Guevara, so angebracht, dass es in der Ausstellung fast von jeder Position aus zu sehen ist. Sein bolivianisches Tagebuch und die olivgrüne Leinentasche haben es ebenso wie das Kleid von Evita Peron in eine Glasvitrine geschafft. Ich erlebe Vergangenheit und Gegenwart eines Landes, dessen Darstellung mich berührt und dessen Trauma auf eine unaufdringliche Weise präsent ist. Nichts erdrückt mich, sondern alles macht mich neugierig und zieht mich weiter hinein bis zu einer Mitte, wo an einer Mauer und an Stellwänden Fotos und Namen der während der Militärdiktatur Verschwundenen und der verschenkten Kinder von ermordeten Eltern zu sehen sind, die es gewagt haben, ein Unrechtsystem zu kritisieren. An dieser Stelle verspüre ich besonders stark diese eigenartige Traurigkeit wie beim Lesen des Textes von Martín Kohan, die niemanden und kein Unrecht vergisst und nicht unglücklich macht, sondern weich und offen, eine Traurigkeit, die hoffen lässt, doch einmal Bescheid zu wissen. Diese Hoffnung haben auch die Großmütter der gestohlenen Kinder nie aufgegeben, die sich seit mehr als drei Jahrzehnten jeden Donnerstag auf der Plaza de Mayo treffen, sofern sie nach all den Jahren noch dazu in der Lage sind, um gemeinsam nach den Kindern ihrer getöteten Kinder zu suchen. Bei einigen hatte die Suche Erfolg, so wie bei der Großmutter von Victoria Donda, die im Jahre 2004 ihr Enkelkind aufgrund der Ähnlichkeit mit ihrer Tochter fand. Sie hat zwar nicht ihre ermordete Tochter wieder bekommen, doch ihre Enkeltochter, als Baby an eine linientreue Familie verschenkt, ihrerseits auf der verzweifelten Suche nach ihrer wahren Identität. Victoria Donda hat ihre Geschichte aufgeschrieben und stellt das Buch „Mein Name ist Victoria“ nun am Verlagsstand auf der Buchmesse vor (siehe Foto unten!). „Die Großmütter der Plaza de Mayo haben nie aufgehört nach den restlichen Kindern zu suchen.“ steht unten auf dem Plakat mit den vielen Namen geschrieben.

Auf meiner Homepage gibt es weitere Fotos und Hinweise ► Frankfurter Buchmesse 2010

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